Wer behindert hier wen?

Sind Sie in den letzten Tagen oder Wochen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen? Es kann sein, dass dies in ihren Alltag dazu gehört!
Dann möchte ich Sie mal bitten, fahren Sie mal mit Bus und Bahn mit den Augen von Menschen die körperliche Einschränkungen haben, die auf z.B. einen Rollator oder einen Rollstuhl angewiesen sind oder ein Elektromobil.
Dabei werden Sie schnell feststellen, dass es eine große Herausforderung ist und einer guten Organisation bedarf um das Ziel zu erreichen.
Das Hochflursystem der Kölner Stadtbahn und somit auch die neu gebaute Nord-Süd U-Bahn ist wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt nutzbar. Ein Höhenunterschied von bis zu 12cm zum Bahnsteig und Fahrzeug stellt ein erhebliches Hindernis dar. Menschen, die ein E-Scooter benutzen werden seit November 2014 gar nicht mehr befördert, weil die KVB sich rechtlich nicht genügend abgesichert sieht, falls etwas passiert. Dabei ist es in Köln noch nie zu einem Zwischenfall mit E-Scootern in der KVB gekommen.
Auch ältere Menschen mit Rollatoren oder Gehhilfen haben oft Not, schnell nach dem Einstieg in eine Bahn, einen sicheren Platz zu bekommen, um nicht durch das zügige Anfahren einen Sturz zu riskieren. 2015 ist es bei 300 Menschen in Bussen und Bahnen zu stürzen gekommen.

Ich frage:
Kann es sein, dass die Kölner Verkehrsbetriebe sich der Herausforderung einer Inklusiven Stadtgesellschaft nicht stellt und die Mobilität von Menschen mit Behinderungen verhindert?
Kann das sein, dass dies einfach so geschieht und wir alle schauen nur zu?

Der Arbeitskreis barrierefreies Köln bittet uns sein Anliegen zu unterstützen unter www.barrierefreiesköln.de

Folgende Forderungen stellt der Arbeitskreis an die KVB:

– Beginnen Sie unverzüglich mit dem Umbau Ihrer Hochflurbahnen, damit in absehbarer Zukunft ein barrierefreier Zugang auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen möglich ist.
– Heben Sie das Mitnahmeverbot für Elektromobile (E-Scooter) in Stadtbahnen und Bussen sofort auf.
– Verlängern Sie die Türöffnungs- und Haltezeiten so, dass auch gehbehinderte und ältere Menschen einen sicheren Sitzplatz finden können.
– Beschleunigen Sie den barrierefreien Umbau der verbliebenen Haltstellen, um wenigstens theoretisch das Ziel eines barrierefreien ÖPNV bis 2022 zu schaffen.

Wissen die Briten, was sie tun? Wie weiter mit Europa und Großbritannien nach dem Brexit-Referendum?

Liebe auf den ersten Blick war das zwischen Großbritannien und der Europäischen Union nie. Eher zwei Königskinder, die nicht zueinander finden wollten oder sollten. Mehr ein „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“. Wen wundert daher der Ausgang des Referendums in Großbritannien, auf dessen Grundlage nun die britische Regierung Volkes Stimme in konkrete Politik umzumünzen hat?

Knapp werden würde es allemal, so alle Vorhersagen. Und mit einem knappen Ergebnis habe auch ich persönlich gerechnet. Mehr jedoch damit, dass die Briten noch die Kurve kriegen und wenn es auch keine Liebesheirat war, die 1973 geschlossen wurde, es dennoch bei der Vernunftehe bleibt und es nicht zur Scheidung kommt. Selbst als der sinnlose Mord an der pro-europäischen Labour-Politikerin Jo Cox dazu beitrug, in Großbritannien kurz den Atem anzuhalten, dachte ich noch: „Jetzt kommen die Briten zu Vernunft!“

Eine Extrawurst hatten die Briten in der Europäischen Union von Anfang an. Nicht erst mit ihrer Entscheidung, nicht der Euro-Zone beizutreten und an der eigenen Währung als äußeres Zeichen der nationalen Eigenständigkeit festhalten zu wollen, oder dem Schengener Übereinkommen nicht zuzustimmen. Fast schon ein wenig wie das bayrische „Mia san Mia!“ oder das kleine gallische Dorf. Aber wie viele Extrawürste dürfen es sein? Wie sollten die Briten da auch mit der Europäischen Union warm werden, wenn man sich jederzeit eine Sonderrolle und damit einen Sozius auf dem Trittbrett freihält – bereit, mal auf- und mal abzuspringen, wie es gerade passt?

Ein solches opportunistisches Verhalten entspricht nicht dem Fundament der Europäischen Union, eine Wertegemeinschaft zu sein, die in der gemeinsamen Überzeugung gründet auf Achtung der Menschenwürde, Freiheit, pluralistische Demokratie, Toleranz, Gleichheit und Nichtdiskriminierung, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenwürde einschließlich Minderheitenschutz und Solidarität. Der „Affentanz“ – sorry, Gibraltar-, den die Briten in den letzten Monaten vor allem in der Frage der Flüchtlingspolitik sowie der Niederlassungs- und Freizügigkeitsfrage aufgeführt haben, steht für sich.

Abgeschottet für sich pflegen die Briten nun ihr exklusives Inseldasein, verhaftet in längst vergangenen Zeiten des Kolonialismus. Wer aber so offensichtlich nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und glaubt, auf diese Weise aus der gemeinsamen Verantwortung raus zu sein und sich künftig die Rosinen aus dem englischen Teekuchen picken zu können, der täuscht. Welche Solidarität und welches Entgegenkommen wollen die Briten künftig von den anderen europäischen Staaten einfordern? Glauben sie wirklich, sie sind jetzt raus aus der Nummer mit den Flüchtlingen? Meinen sie, Menschen würden nicht mehr versuchen, nach Großbritannien zu gelangen?

Der Triumph der Brexit-Befürworter wird nur kurzlebig sein. Siege auf Kosten anderer sind selten süß, eher bitter wie englische Orangenmarmelade. Nicht nur für die anderen, vor allem für sich selbst und die nationalen Interessen. Das, was die knappe Mehrheit der Briten und vor allem die Agitatoren des Brexits los getreten haben, wird die Briten selbst überrollen. Die Spaltung in Gesellschaft und Vereinigtem Königreich tritt nur wenige Stunden nach dem Ergebnis des Referendums zutage.

Also, zurück zur Ausgangsfrage: Wissen die Briten, was sie tun?

Demonstrieren für eine bessere finanzielle Ausstattung

Die finanzielle Ausstattung der Schulkinderbetreuung im Primarbereich ist verbesserungswürdig. Viele Kölner Schulen, Träger der Jugendhilfe, Eltern und nicht zuletzt Kinder können ein Lied davon singen.

Aus diesem Grund rufen die Kölner Wohlfahrtsverbände anlässlich der morgigen Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses zum Haushaltsplanentwurf 2016/2017 zu einer Demo vor dem Kölner Rathaus auf. Über 100 Offene Ganztagsschulen haben mit Mann und Maus, Kind und Kegel ihr Kommen angekündigt, um auf die mangelnde finanzielle Ausstattung und deren nachteilige Auswirkung für die inhaltliche Arbeit und räumliche Situation lautstark aufmerksam zu machen.

Die Demo findet statt am Dienstag, 21. Juni 2016 in  der Zeit von 13:00 Uhr bis 14:00 Uhr. Treffpunkt ist der Theo-Burauen-Platz.

Fachpolitiker der Ratsfraktionen beim Besuch der Kath. Grundschule in Bilderstöckchen im Mai 2016

Fachpolitiker der Ratsfraktionen beim Besuch der Kath. Grundschule in Köln-Bilderstöckchen im Mai 2016

Fachgespräch der LIGA mit Fachpolitikern der Ratsfraktionen zum Finanzierungsbedarf für die Schulkinderbetreuung in der Kath. Grundschule in Köln-Bilderstöckchen im Mai 2016

Thema des Fachgesprächs war schon hier der Finanzierungsbedarf für die Schulkinderbetreuung

Einladung zur Solidaritätskundgebung in Rondorf

Symbolbild

Am Samstag, dem 11. Juni, ist das Pfarrhaus von Rondorf durch ein Feuer unbewohnbar geworden. Die Polizei vermutet derzeit Brandstiftung als Ursache. Eine achtköpfige Familie aus dem Irak, die hier bei uns vor Ort eine

neue Heimat und Gemeinschaft gefunden hat, ist jetzt obdachlos.

Ganz gleich, was dieses Unglück auch ausgelöst hat: Wir hier in Rondorf wollen klar signalisieren, dass wir zueinander stehen und einander beistehen. Wir wollen auch ein klares Zeichen gegen Gewalt setzen, zu einem friedlichen Miteinander einladen und selber auch dafür einstehen.

Wir laden alle herzlich
am Samstag, den 18. Juni 2016, um 22.30 Uhr
zu einer Solidaritätskundgebung
vor dem zerstörten Pfarrhaus,
Hahnenstraße 21, 50997 Köln, ein.

Hand in Hand wollen wir Licht in der Dunkelheit entzünden, Ängste abbauen und Begegnung schaffen.

Am Sonntag, den 19. Juni, lädt die Katholische Kirchengemeinde Heilige Drei Könige um 11.00
Uhr zu einem Gottesdienst und anschließendem Solidaritätsmahl ein, um auch hier ein Zeichen
für Frieden und Gemeinschaft zu setzen.

Zum Tod von Rupert Neudeck – „Wenn es Unrecht gibt, müssen Sie ganz laut schreien.“- Bewegende Trauerfeier in St. Aposteln

Gastbeitrag von Brigitte Brand-Wilhelmy, Leiterin des Caritas-Therapiezentrums für Folteropfer:

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck

Rupert Neudeck, der am 14. Mai 1939 in Danzig geboren wurde, gründete die Hilfsorganisation Cap Anamur und rettete damit 10.375 vietnamesische Flüchtling vor dem Ertrinken im Chinesischen Meer. Am 31.05.2016 ist für uns alle unfassbar Rupert Neudeck mitten aus dem Leben gerissen worden. Er war bis zuletzt voller Tatendrang, vital und unverändert, mutig engagiert, um Leben zu retten.

Bis 1998 gehörte er dem Vorstand des Komitees Cap Anamur an, danach wurde er Sprecher der Hilfsorganisation.  Im April 2003 wurde er gemeinsam mit Aiman Mazyek zum Mitbegründer und Vorsitzenden des internationale Friedenskorps Grünhelme e.V., einer Organisation für den Wiederaufbau von ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten. Es war ihm ein besonderes Anliegen, den Islam bekannt zu machen und Ängste vor dem Islam abzubauen und die Menschlichkeit, die mit dem Glauben einhergehen muss, ernst zu nehmen. Deshalb die Farbe grün. Grün ist die Farbe des Islam, analog zu den Blauhelmen der Vereinten Nationen.

Auch die Rechte der Palästinenser verteidigte er mit Entschlossenheit Er wollte nicht mehr schweigen und forderte Gerechtigkeit auch in Palästina. Scharf verurteilte er Hauszerstörungen im Westjordanland u.a. den Abrissbescheid eines von der Organisation Grünhelme gebauten Berufsausbildungszentrums. Rupert Neudeck war Christ und radikaler Humanist. Für ihn galt der Mensch als Mitmensch unabhängig von seiner Religion. Er machte keine Unterschiede, für ihn warder notleidende Mensch immer der Mitmensch.
Während all der Jahre ist seine Frau Christel, mit der er seit 1970 verheiratet war, an seiner Seite nicht wegzudenken. Christel Neudeck hat einen erheblichen Anteil an der Arbeit von Rupert Neudeck.
Rupert Neudeck stand dem Caritas-Therapiezentrum für Folteropfer immer sehr nahe. Über viele Jahre war er Mitglied im Beirat des Therapiezentrums. Angesichts der in den vergangenen Jahren oft schwierigen finanziellen Situation des Therapiezentrums und der großen Not der Flüchtlinge meinte er in seinem letzten Gespräch mit mir im letzten Jahr: „Wenn es Unrecht gibt, müssen Sie schreien, ganz laut schreien.“

Trauerfeier für Rupert Neudeck am 14. Juni in St. Aposteln Köln

Trauerfeier für Rupert Neudeck am 14. Juni in St. Aposteln Köln

Bei der Trauerfeier am 14.06.2016 in St. Aposteln war das Kirchenschiff bis auf den letzten Stehplatz angefüllt. Ein Großteil der Trauernden waren ehemalige „boat people“ mit Kindern und Enkelkindern. In seiner Trauerrede sagte einer von ihnen: „Wir haben unseren geistigen Vater verloren, dem wir unser Leben verdanken, denn ohne ihn ständen wir heute nicht hier.“
In einer bewegenden Rede würdigte Kardinal Woelki das Engagement und das rastlose Wirken für mehr Menschlichkeit von Rupert Neudeck. Er habe gezeigt, was es konkret bedeute, in jedem Menschen das Antlitz Gottes zu entdecken und ihm zu helfen.

Wir werden Rupert Neudeck und seine Unterstützung sehr vermissen und werden ihm immer ein ehrendes Gedenken in unseren Herzen bewahren.

Entsetzen über Brandanschlag in Rondorf

Gastbeitrag von Susanne Rabe-Rahman, Leitung Leistungsbereich Integration und Beratung:

„Es ist noch zu früh, etwas zum Täter und seiner Absicht sagen, ob er das Pfarrhaus in Rondorf oder die dort wohnende Familie treffen wollte, ob er wusste, dass die Familie nicht zu Hause ist oder sie doch dort vermutet hat…

Aber es kann nicht früh und deutlich genug sein, zu sagen, dass wir diesen Brandanschlag zutiefst bedauern, das wir uns der  Pfarrgemeinde und der Familie nahe und verbunden fühlen, das sie alle unser Mitgefühl haben. Wir wollen gern alle nach Kräften helfen, dass die Folgen für die Pfarrgemeinde und insbesondere für die aus dem Irak stammende Familie gemildert werden können.

Wer immer den Brand verursacht hat – ein psychisch kranker Mensch, vielleicht auch ein Extremist  – bekenne sich bitte zu seiner Tat und übernehme die Verantwortung dafür.

Wir wünschen uns eine baldige und umfassende Aufklärung der Hintergründe.

Wir alle wollen dafür Sorge tragen, das sich ein solches verabscheuungswürdiges Ereignis hier nicht wiederholt. Die Menschen in den Gemeinden, Initiativen, in der Nachbarschaft stehen für ein humanitäres und interkulturelles Engagement und sie stehen zu den BewohnerInnen ihres Stadtteils aus diversen Herkunftsregionen.“

Abschied von Marokko. Unser Blick hat sich verändert.

Tag 8, 04. Juni, Rückreise aus Marokko/ Projektreise mit Caritas international

Freitagabend sagte Edouard Danjoy, Diözesan-Caritasdirektor von Rabat, bei einem Abschiedsessen zu uns, es sei eine große Ehre gewesen, dass wir als erstes europäisches Caritas-Team mit einer Delegation zu Gast waren. Unser Interesse an der Caritas-Arbeit Rabat, der Austausch und der Blick durch uns von außen motiviere ihn und sein multikulturelles Team noch mehr. Obwohl sie mit 30 Mitarbeitenden bei Caritas Rabat klein sind, haben sie doch eine große Stärke und können viel bewirken. Möglich wird das auch durch den Kontakt, den sie zum König und zur Regierung pflegen.
Es sei schon ein Paradox, dass, obwohl Kirche und Caritas in Marokko so klein sind, sie an vielen Stellen die einzige helfende Organisation sind. In Fes gibt es beispielsweise ein Lager mit 1000 Migranten, die sich alleine überlassen sind. Dort herrschen unhaltbare Zustände. Caritas kann nicht die Augen vor der Not verschließen, aber auch nicht alles alleine bewältigen. Die Mitarbeiter müssen damit zurecht kommen, nicht allen helfen zu können.

caritas international ermöglicht mit den Projektreisen in Länder, in denen sie Hilfeprogramme unterstützen, Caritas-Mitarbeitenden aus ganz Deutschland, in den internationalen Austausch zu treten und zu sehen, unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchen Schwerpunkten die Caritas vor Ort arbeitet.
Wir ziehen in der Gruppe noch einmal Bilanz: Auf verschiedenen Ebenen haben wir intensive Einblicke in die Situation von Kirche und Caritas in Marokko bekommen, in gesetzliche und gesellschaftliche Grundlagen und in ein Sozialsystem, das gerade erst entsteht. Aber nicht nur mit dem Kopf haben wir mehr verstanden. Die vielen Begegnungen und Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen haben unser Herz berührt, wir können es auch fühlen, wie die Situation hier in der Caritas-Arbeit ist, was es heißt eine Migrationskirche in einem islamisch geprägten Land zu sein.
Wir sind mit der Situation der Migranten aus Schwarzafrika direkt in Berührung gekommen. Das alles hat unsern Blick geschärft, wie unmenschlich die Abschottung Europas an den Grenzen ist. Dass es keine „schlechten“ Flüchtlinge gibt, für die Arbeitsmigranten aus afrikanischen Ländern dringend eine Lösung gefunden werden muss. Informationen an die Migranten, wie aussichtslos es für sie ist, in Europa Asyl zu erhalten, hält sie nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen. Die KollegInnen berichteten uns, sie würden den Migranten immer wieder alles erklären, aber es komme nicht an. “ Einen Zugvogel kann man nicht aufhalten. Europa muss die Menschen empfangen. Die gegenwärtige Visapolitik ist absurd. Viele Migranten, die es nach Europa geschafft haben, wissen, dass sie gescheitert sind, aber sie können niemals zu ihren Familien in den Herkunftsländen zurück. Dort werden sie meistens nicht mehr aufgenommen. Wenn es Visafreiheit gäbe, würden die Menschen sich als Arbeitsmigranten hin und her bewegen. Der Menschenverlust in den afrikanischen Ländern ist fatal.“ betont Daniel Nourissat, Generalvikar in Casablanca.
Das alles und weitere Themen, zu denen wir uns ausgetauscht haben wie das Geschlechterverhältnis unter den Marokkanern, aber auch unter den Migranten, nehmen wir von der Reise mit. Wir überlegen, wie wir unterstützen können, die ersten Ideen entstehen.

Erst einmal sind wir glücklich, dass wir trotz Turbulenzen während des Flugs sicher am Samstagabend in Frankfurt gelandet sind. Den Anschlussflug in Paris haben wir nur bekommen, weil dieser etwas verspätet kam. Sogar das Gepäck ist angekommen. Bei der Hinreise hatten wir ja weniger Glück und mussten vor dem Weiterflug noch eine Nacht in Paris im Hotel verbringen.

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Zum letzten Mal tauscht sich unsere Gruppe auf dem Flughafen in Rabat vor der Rückreise aus.

„Wir haben uns für die Familie geopfert.“

Tag 7, 03. Juni Projektreise mit caritas international nach Marokko

Am Freitag treffen wir Jackson, selbst Migrant aus Kamerun, in der alten Königsstadt Meknes, ca. 1,5 bis 2 Autostunden von Rabat entfernt, landeinwärts gelegen.
Mit seiner Unterstützung als Ehrenamtlicher baut die Caritas Rabat ein Projekt für neuankommende Migranten auf und versucht ein Netzwerk mit anderen Initiativen und staatlichen Stellen zu knüpfen. Die Arbeit soll nach drei Jahren auch ohne Caritas-Unterstützung weiterlaufen können.
Bevor wir auf das Projekt zu sprechen kommen, erzählt Jackson seine Geschichte, die uns fast den Atem raubt. Das, was wir aus den Medien kennen, rückt auf einmal ganz nah und berührt uns tief.

Der jetzt 28-jährige hatte sich vor drei Jahren entschlossen, Kamerun und seine Familie zu verlassen. Dort gab es keine Arbeitsmöglichkeiten für ihn, keine Chance, seine Familie zu ernähren, sein drittes Kind war gerade geboren. Seine Familie habe keine Beziehungen zur Regierung und in dem korrupten Staat daher keine Perspektiven.
Über den Weg durch Algerien erreichte er nach Monaten schließlich Marokko. „Ich wollte nach Europa, um ein besseres Leben zu haben und Geld nach Hause zu schicken. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich versucht habe, die Hochsicherheitszäune im Norden an den Grenzen zu den spanischen Enklaven zu überwinden.“ Immer wieder scheiterte er und zog sich Verletzungen zu, er zeigt uns seine Narben an den Händen. Die Migranten werden oft mit Steinen beworfen, wenn sie die 7m-hohen Zäune hochklettern und ziehen sich schwere Brüche beim Herunterfallen zu. Haben sie es geschafft, kommt es vor, dass sie direkt von den Spaniern wieder abgeschoben werden, obwohl das ein Verstoß gegen europäisches Recht ist. Jackson musste selbst diese Erfahrung machen.
„Für Menschen, die nichts haben und deren Leid so groß ist, reicht kein Stacheldrahtzaun, um sie vom Plan, Europa zu erreichen, abzuhalten.“
Viele Migranten leben in Wäldern im Norden nahe der Grenzzäune unter elenden Bedingungen und versuchen es immer wieder. So ging es auch Jackson. Nahrungsmittel suchen sie in den Mülltonnen der Reichen.
Nach 1,5 Jahren entschied er sich, so nicht mehr weiter zu machen und das Leben in Marokko zu akzeptieren und sich zu integrieren. Schwer verletzt nach seinem letzten Versuch nahm ihn die katholische Kirche in Meknes auf. „Hier hatte ich das Gefühl der Sicherheit. Ich bin Mitglied der Kirche und glaube an Gott, also stelle ich meine Dienste der Kirche zur Verfügung und habe angefangen, die Schwerkranken aus den Wäldern hierher zu holen.“
Zu einer Konferenz der Caritas Rabat, bei der es um die Bedürfnisse der Migranten ging, wurde Jackson eingeladen. „Dort waren nur Menschen, die sich im Studium mit Migranten beschäftigt hatten. Ihre Ideen waren gut, aber nicht gut genug für das, was Migranten brauchen. Diözesancaritasdirektor Edouard Danjoy und Chloe, die Leiter des Migrationszentrums hörten mir aufmerksam zu.“ Edouard ist dann nach Meknes gekommen und hat sich die Arbeit in der Kirche mit Migranten angesehen.
„Weil ich dieselben Erfahrungen habe, fassen die Migranten zu mir Vertrauen. Sonst ist es nur Phantasie, was sie erzählen.“ sagt Jackson.
Die Caritas Rabat baut jetzt in Meknes ein Migrations-Zentrum auf, das Jackson ehrenamtlich leitet. Er lebt im Pfarrhaus, von der Caritas erhält eine Aufwandsentschädigung, von der er, obwohl es wenig ist, die Hälfte spart und seiner Familie nach Hause schickt. Gerne würde er auch in Zukunft irgendwann wieder nach Kamerun zurückkehren, aber sein Vater sagt ihm am Telefon: „Wir brauchen Dich da, wo Du bist. Wir sind auf Deine Hilfe angewiesen.“ Wie Jackson opfern sich viele der Migranten für ihre Familien in der Heimat.
Der Aufbau des Migrationszentrums seit Anfang des Jahres war nicht leicht. Kontakte zu Initiativen der marokkanischen Zivilgesellschaft sollen noch geknüpft werden, der Kontakt zum Gesundheitszentrum ist inzwischen sehr gut. Und die Menschen mussten erst einmal Vertrauen fassen, bevor sie zur Beratung kamen.
Aufgaben des Zentrums sind Beratung der Migranten, Nothilfe für Neuankömmlinge, Begleitung zu Gesundheitszentren und Suche nach Wohnraum. Die finanziellen Möglichkeiten für die Hilfe sind beschränkt, daher kann nur denen geholfen werden, die es am Nötigsten brauchen. „Die familiäre Atmosphäre hier hilft den Menschen. Viele haben nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch seelische, sind schwer traumatisiert. Wir brauchen auch noch weitere Menschen, die helfen, Migranten ins Krankenhaus begleiten, Medikamente besorgen.“
Inzwischen kommen auch die ersten syrischen Flüchtlingsfamilien, ein marokkanischer Mitarbeiter unterstützt ehrenamtlich und hilft bei den Übersetzungen aus dem Arabischen.
Jackson kümmert sich besonders auch um die unbegleiteten Minderjährigen. Es gibt inzwischen eine Fußballmannschaft von Migranten und Schülern einer katholischen Schule. Die meist wohlhabenden Eltern der Schüler spenden regelmäßig Lebensmittelpakete.
Jackson hat eine positive Einstellung dem Leben in Marokko gegenüber eingenommen und hofft, dass er damit auch andere Migranten motivieren kann, sich in Marokko eine Perspektive aufzubauen und sich anzupassen.

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Jackson, 2.v.l., selbst Migrant, leitet das neue Migrations-Zentrum in Meknes.

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Mit wenigen Mitteln wurde ein Beratungszimmer eingerichtet, in dem sich die Migranten wohlfühlen können.

Gebt uns Arbeit

Tag 5, 02. Juni Nachmittag, Projektreise mit caritas international nach Marokko

„Gebt uns Arbeit, dann müssen wir nicht nach Europa! Am liebsten bleiben wir hier in Marokko oder gehen auch zurück in unser Heimatland, wenn es Arbeit für uns geben würde.“
Das erzählten uns Migranten-Familien, die wir zusammen mit der Migranten-Selbsthilfeorganisation APIMA am Nachmittag besucht haben.
Nach mittlerweile acht Jahren in der Migration in Marokko ist der Familienvater resigniert: „Für mich sehe ich keine Chance mehr, aber meine Tochter soll eine Zukunft haben.“
Francine, 10 Jahre, besucht einen Schulvorbereitungskurs der Caritas. Hier lernt sie die Grundlagen, um dann in die Regelschule zu wechseln.
Vor zwei Jahren wurden die Migranten aufgefordert, sich zu legalisieren. 92 % haben ein Aufenthaltsrecht bekommen. Damit ist auch das Recht auf Bildung und Schulbesuch geregelt. Die Familie sagt immer wieder, wie dankbar sie dem König ist, endlich einen legalen Status zu haben. Vorher hatten sie bei jedem Klopfen an der Tür Angst, die Polizei stände davor.

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„Das Fundament der Kirche ist die Caritas.“

Tag 6, 2. Juni, Projektreise mit caritas international nach Marokko, Besuch der Gemeindecaritas in Casablanca

Daniel Nourissat, Generalvikar und Pfarrer der Kirche Notre Dame in Casablanca, sagt, ohne die Caritas sei die Kirche nichts. Dazu passt, dass sich die Räume der Gemeindecaritas mit Kleiderkammer und Beratungsbüro genau unter dem Altarraum befinden. „Kirche in Marokko hat keinen Sinn, wenn sie nicht die Nächstenliebe gegenüber den Migranten lebt. Nächstenliebe hat keine Grenzen und keine Farbe.“
Zweimal in der Woche geben Ehrenamtliche, darunter Marokkaner, afrikanische Migranten und Europäer, Medikamente auf Rezept und Sachmittel für umgerechnet 3300 € an Bedürftige aus. Rund die Hälfte fließt an Gebühren wieder zurück von denen, die es sich leisten können. Finanziert wird die Arbeit über Versteigerungen, Kollekten, Spenden. Daniel Nourissat betont, es gebe keine finanzielle Unterstützung von Caritas Rabat oder Caritas Deutschland für ihre Arbeit. Die Gemeindecaritas ist in engem fachlichen Austausch mit den Caritas-Migrationszentren in Rabat, Casablanca und Tanger, denn überwiegend kommen die Migranten aus Schwarzafrika zu ihnen.

Zum Team gehört auch Arnaud de Laportaliere, ein pensionierter Diakon aus Frankreich, der zweimal wöchentlich Migranten in verschiedenen Gefängnissen Casablancas besucht. Im größten Gefängnis leben 9000 Gefangene. Der Gefängnisdirektor ist froh über die Besuche des Seelsorgers, er habe positiven Einfluss auf die Stimmung im Gefängnis. Die Schilderungen Arnauds hinterlassen bei uns den Eindruck: Wer hier einmal mit dem Gesetz in Konflikt kommt, hat verloren. 80 % sitzen hier wegen Drogendelikten ein. „An dem Tag, an dem die Europäer keine Drogen mehr nehmen, sind die Gefängnisse hier leer.“

Wir fragen nach den jungen Marokkanern, die nach Europa kommen. Was tut Marokko, um sie im Land zu halten? „Marokko ist ein Entwicklungsland, das Land strengt sich sehr an, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Wir machen, was wir können.“ Internationale Unternehmen siedeln sich an. Die Textilindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden. „Marokko ist eine einzige Baustelle.“ 50% der marokkanischen Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt. Hier könnte jeden Tag eine neue Schule gebaut werden und in Deutschland schließen die Schulen. Mittlerweile wird hier in Bildung und Infrastruktur investiert. Die Erfolge werden sich erst mit den Jahren zeigen, einige Fortschritte sind aber bereits jetzt sichtbar.

Am Nachmittag besucht ein Teil unserer Gruppe die große Moschee in Casablanca, sie ist die drittgrößte Moschee der Welt und wurde in ihrer unglaublichen Pracht und kunstvoller Ausstattung in nur sechs Jahren gebaut. Das ist in Deutschland unvorstellbar, man denke nur an die Baustelle der Oper in Köln, die Elbphilharmonie in Hamburg oder den Flughafen Berlin-Tegel.
Auf der Rückfahrt nach Rabat halten wir noch kurz an einem Strand. Nach den intensiven und oft auch bedrückenden und bewegenden Begegnungen und Gesprächen freuen wir uns über ein erfrischendes Bad im Atlantik.

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v.l.: Touria, ehrenamtliche marokkanische Mitarbeiterin in der Gemeindecaritas, Generalvikar Daniel Nourissat

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Die große Moschee in Casablanca wurde 1993 fertig gestellt.