Ehrenamtliche – eine marktrelevante Zielgruppe

Ein Drittel aller Deutschen ist ehrenamtlich engagiert und ein weiteres Drittel würde sich gern engagieren, wenn sie mehr Informationen über Einsatzmöglichkeiten hätten. Die Zielgruppe der Ehrenamtlichen ist inzwischen so bedeutsam geworden, dass sie als marktrelevanter Faktor gilt.

Ein Beispiel dafür: Firmen entwickeln Wettbewerbe und Preisausschreiben zum Thema  Ehrenamt. Die Preise werden über Online Voting vergeben, eine Art Abstimmung im Internet. Die Masche ist immer die gleiche. Eine große Firma ruft zu einem Abstimmungsprozess im Internet auf. Die Freiwilligen, ihre Freunde und die unterstützten Menschen, z.B. benachteiligte Jugendliche, werden aufgefordert, jeden Tag einmal an ihren Computer zu gehen und ein Häkchen zu setzen. Ein Häkchen für ein Projekt, das sie gern an erster Stelle sehen würden. Ein Häkchen auf Facebook, damit alle Facebook-Freunde diese Initiative kennen lernen. Ein Häkchen, verbunden mit der Angabe der eigenen E-Mail-Adresse, damit ein Link an den Teilnehmer geschickt wird, der wiederum aktiviert werden muss. Dadurch ist laut Firma der Datenschutz gewährleistet. Durch diese Wettbewerbe und Preisausschreiben wird jedoch nicht nur das ehrenamtliche Projekt bekannt gemacht. Die Firmen brennen auch ihren eigenen Namen ins Bewusstsein der Zielgruppe ein. „Die tun etwas fürs Ehrenamt“.

In Wirklichkeit ist die Werbewirkung das eigentliche Ziel. Eine Werbekampagne mit Plakaten, direkten Anschreiben oder Radio- und Fernsehwerbung würde sehr viel mehr Geld kosten. So melden sich die Freiwilligen, eine potentielle Kundengruppe, von selbst und verbreiten den Markennamen mit der Botschaft: „Das ist eine tolle Firma, denn sie unterstützt das Ehrenamt und das Bürgerschaftliche Engagement“.
Die Preise und Ausschüttungen sind dagegen vergleichsweise gering. Sie liegen zwischen 1.000 Euro bis 5.000 Euro für einen Gewinner. Die ehrenamtlichen Projekte ab Platz 3 gehen meistens leer aus. Sie haben allerdings ihre Freiwilligen angemailt und animiert, das Projekt zu bewerben. Und damit die Firma, die dahintersteht.

Noch schöner ist die Idee eines Studenten für Internationales Tourismus Marketing. Er stellt sich vor, dass junge Engagierte in ihrem Urlaub einen freiwilligen Einsatz absolvieren. Dahinter steht die Vorstellung, dass man Land und Leute besser und anders kennenlernt, wenn man in einem ehrenamtlichen Projekt mitarbeitet. Die Zeitangaben dazu schwanken zwischen einem Tag und einer Woche pro Urlaub. Vielleicht gibt es demnächst drei Wochen Urlaub mit zwei Tagen Engagement im Angebot. Argumentiert wird mit sozialer Nachhaltigkeit, denn ein Urlaub mit Hilfsprojekt gilt als ethisch verantwortbar, selbst wenn man in einem teuren Hotel wohnt, während die Menschen nebenan in Hütten leben. Eine interessante Zielgruppe wird mit einem neuen Angebot beworben. Den Freiwilligen sei dank!
Monika Brunst

Im Freiwilligenzentrum Mensch zu Mensch berät Monika Brunst Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Darüber hinaus erhält sie vielfältige andere Anfragen zum Thema Ehrenamt.

Über den Autor

Was ich mag:

Die Stadt entdecken in ihren Vierteln, Straßen, Plätzen. Dort, wo die Menschen leben. Mir die Veedel von ihnen zeigen lassen. Sich einander die Stadt erzählen. Ungesehenes entdecken. Räume wahrnehmen und weiten. Auch für die Caritas.
Manchmal wird was fühlbar. Wenn in St. Agnes die Sängerinnen und Sänger aus dem Viertel, aus den Gemeinden, aus verschiedenen kulturellen Gegenden dieser Welt das Finale von "Joy to the World" bestreiten. Das ist ein Erfolg: Gemeinde, Caritas, soziale Einrichtungen miteinander ins Gespräch bringen und ins gemeinsame Handeln.

Was ich nicht mag

Parallelwelten. Die Tafel als Billigentsorger der Nahrungsmittelwirtschaft. Tatkraft ohne Nachdenklichkeit und Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Besserwisserei gegenüber Benachteiligten. Wenn wir als Caritas die Not nur lindern, aber nicht verhindern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.