„Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin“

So meldete sich Sabine Kiefner in ihrem Blog am Tag nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown, Conneticut zu Wort. Anlässlich des schrecklichen Verbrechens mit 28 toten Kindern und Erwachsenen befassten sich die Medien sehr früh mit einer mutmaßlichen psychischen Störung des Täters Adam Lanza. So lenkten sie die öffentliche Debatte über die Tat-Ursache in Richtung des Asperger-Syndroms. Das ist eine Form des Autismus, von der etwa 0,9% aller jungen Menschen, darunter eben auch Sabine Kiefner, betroffen sind. Kiefner und andere Betroffene waren mit Recht entsetzt, als die Medien ausgerechnet im Zusammenhang mit einem Massenmord ihr Interesse an diesem Störungsbild entdeckten und allerlei Spekulationen über die Gefährlichkeit von Autisten und Autismus Raum gaben. Sie können gut darauf verzichten, neben all den anderen Stereotypen über Autismus auch noch Gewaltbereitschaft und Gefährlichkeit zugeschrieben zu bekommen.

Menschen mit psychischen Auffälligkeiten als potenziell gefährlich, weil unkontrolliert, gewaltbereit und wahnhaft wahrzunehmen, bedient ein verbreitetes Angstmuster. Wer Menschen bedroht, angreift und verletzt, kann doch nicht normal sein. Wir glauben, Risiken eingrenzen zu können, wenn wir die „Verrückten“ identifizieren, behandeln und, wenn sie Widerstand leisten, wegsperren – aber bitte nicht in der eigenen Nachbarschaft, sonst bilden wir eine Bürgerinitiative! Selbst ein vermeintlich harmloses Wohnheim für Mädchen mit Essstörungen ruft, so etwa im Jahr 2012 in  Altenkirchen, ängstliche Anwohner auf den Plan.

Dabei verüben psychisch kranke Menschen statistisch etwa genauso häufig Gewaltdelikte wie der Rest der Bevölkerung: Eine britische Studie zu Gewalt und psychiatrischen Störungen aus dem Jahr 2005 zeigte, dass an 1,2% der dort erfassten Gewalttaten Menschen mit einer Psychose beteiligt waren – etwa genau so hoch ist das Vorkommen von Psychosen in der Gesamtbevölkerung. Bei über der Hälfte der Delikte war dagegen die Volksdroge Alkohol im Spiel, zu 25% zeigten die Täter Merkmale dissozialer oder antisozialer Persönlichkeiten.

Selbst historische Diktatoren und Tyrannen waren, soweit man das feststellen kann, psychiatrisch kerngesund, wie es Manfred Lütz etwa Hitler und Stalin attestiert.

Vorurteile und Ängste zu psychiatrischen Erkrankungen sind gefährlich, weil sie diskriminieren und ausgrenzen, und weil sie die Verortung des Themas mitten in der Gesellschaft verkennen und verhindern. Und sie tragen manchmal wirklich einen Teil zur Gefährdung von Leib und Leben bei, wenn Betroffene aus Angst vor Stigmatisierung ihr Leid verstecken und darum Behandlung und Hilfe nicht annehmen können.

Heute wissen wir übrigens, dass der Amokläufer Lanza als Kind wegen einer Entwicklungsstörung in Behandlung war. Zu keinem Zeitpunkt wurde bei ihm ein Asperger-Syndrom diagnostiziert oder behandelt. Sabine Kiefner bloggt übrigens aktuell über den Missbrauch des Begriffs Autismus „im Zusammenhang mit Politik, Wirtschaft und Amokläufen“.

Dieser Beitrag wurde als Gastbeitrag verfasst von Robert Schlappal, Leiter der Sozialpsychiatrischen Zentren Köln-Porz und Köln-Innenstadt im Caritasverband für die Stadt Köln.

Über den Autor

“Gast” ist das Profil unserer Gast-Autorinnen und Gast-Autoren, die für taufrische Geschichten von vor Ort sorgen. Denn egal ob von vorbildlichen Jugendprojekten oder schwierigen Teenagern, von Missständen in der Pflege oder rührenden Begegnungen im Altenheim, von Flüchtlings-Diskriminierung oder einer Willkommenskultur: Die Caritas-Mitarbeitenden in den verschiedenen Zentren, Einrichtungen und Projekten erleben die Spanne zwischen Freud und Leid täglich hautnah. Aus diesem Grund berichten in unserem Blog immer wieder Mitarbeitende der vielfältigen Caritas-Geschäftsfelder unter dem Profil “Gast”.

Ein Kommentar zu “„Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin“

  1. Dieser Beitrag hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht, Danke für den anregenden Inhalt und das Engagement für die Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Als Kollegin in der Vermittlung von Ehrenamtlichen spüre ich deutlich, wie zurückhaltend Menschen auf den Vorschlag reagieren, sich für psychisch Kranke einzusetzen. Die Bereitschaft zum Engagement hängt davon ab, ob jemand im persönlichen Umfeld gute Erfahrungen gemacht hat – wenn das nicht der Fall ist zeigt sich eher Unsicherheit und Zögern, sich für diese Zielgruppe zu engagieren.
    Monika Brunst, Ehrenamtsberaterin bei der Caritas in Köln

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