Ehrenfeld im Wandel

Letzten Mittwoch setzten sich die katholischen Akteure in Ehrenfeld an den Runden Tisch Sozialraumpastoral. Thema waren die Flüchtlinge aus der Erstaufnahmeeinrichtung in der Herkulesstraße und die Arbeitsmigranten aus EU-Mitgliedsländern. Sie alle tauchen im Straßenbild der Venloer auf. Ein buntes, quirliges Wimmelbild: als BettlerInnen vor den Supermärkten, als Querkopf-VerkäuferInnen, als Arbeitssuchende auf dem sogenannten Arbeitsstrich und einfach als PassantInnen. Nachts schlafen einige von Ihnen im Portal der Josefskirche und in städtischen Grünanlagen, selbst im Winter. Wir hören von der drangvollen Enge in der Erstaufnahmeeinrichtung Herkulesstraße: Ganz zu Beginn war das alte Straßenverkehrsamt für 80 Personen geplant. Jetzt sind es an die 600 Personen, davon die Hälfte Kinder.
Es erfüllt uns mit Scham und Wut, dass Menschen so in unserem reichen Land hausen müssen. Am Runden Tisch erfahren wir Hintergründe: Dass die Roma, die in den Portalen nächtigen und nach brauchbaren Abfällen suchen oder betteln, armutserfahren sind. Lange lebten sie als diskriminierte Gruppe in verschiedenen Ländern und haben ihre ganz eigenen Überlebensstrategien entwickelt.
Wir erfahren von neuen Ansätzen und Vernetzungen der Fachleute, die sich gemeinsam mit diesen neuen Verhältnissen befassen und Angebote schaffen. So bringt die Veedelsmanagerin Frau Konouk bulgarische und rumänische Arbeitsmigranten miteinander ins Gespräch und möchte sie zur Selbsthilfe anstiften. Oder die Initiative Schulplätze für alle Kinder, die sich dafür einsetzt, dass die schulpflichtigen Kinder der Flüchtlinge schnell einen ihnen gesetzlich zustehenden Schulplatz bekommen
Was ich mitnehme: Ehrenfeld wandelt sich offensichtlich, wie sich die ganze Stadt ständig wandelt. Das sind normale Prozesse, die Zeit brauchen und vom Viertel aufgenommen und verkraftet werden.
Der konkrete Unterstützungsbedarf, ob durch ehrenamtliche Hilfe oder materielle Spenden wird mit der Zeit deutlich. Die Kleider- und Spielzeugsammlung in der Gemeinde sind ein Beginn.
Wir, auch die Fachleute, können oft gar nicht helfen. Ein zentrales Problem ist der fehlende gute Wohnraum. Dafür muss mittelfristig mit politischen Mitteln gekämpft werden. Das müssen wir aushalten.
Und der wichtigste Rat: Fragt die Flüchtlinge, sie wissen so viel und bringen aus ihrer Fluchterfahrung so viele Kenntnisse z.B. über das Zusammenleben mit, dass wir davon lernen können.
Ehrenfeld ist nicht Deutschland und nicht die Welt. Es bedarf weiterer Aktionen, um gesetzliche Rahmenbedingungen anzuprangern und zu verändern. Ein Beispiel dafür ist der Aufruf zur Wiedereinsetzung des Artikels 16 des Grundgesetzes (Recht auf Asyl).

Emaille-Tafel von Reinhard MATZ, joschwartz.com

Die Tafel von Reinhard Matz am Caritas-Zentrum auf der Venloer sagt was Grundsätzliches über das Geben und Nehmen und Tauschen. Für die
Menschen in einem Stadtteil im Wandel können solche Merk- und Denksätze wichtig sein: Zum Lesen und zum Darübersprechen.

Über den Autor

Was ich mag:

Die Stadt entdecken in ihren Vierteln, Straßen, Plätzen. Dort, wo die Menschen leben. Mir die Veedel von ihnen zeigen lassen. Sich einander die Stadt erzählen. Ungesehenes entdecken. Räume wahrnehmen und weiten. Auch für die Caritas.
Manchmal wird was fühlbar. Wenn in St. Agnes die Sängerinnen und Sänger aus dem Viertel, aus den Gemeinden, aus verschiedenen kulturellen Gegenden dieser Welt das Finale von "Joy to the World" bestreiten. Das ist ein Erfolg: Gemeinde, Caritas, soziale Einrichtungen miteinander ins Gespräch bringen und ins gemeinsame Handeln.

Was ich nicht mag

Parallelwelten. Die Tafel als Billigentsorger der Nahrungsmittelwirtschaft. Tatkraft ohne Nachdenklichkeit und Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Besserwisserei gegenüber Benachteiligten. Wenn wir als Caritas die Not nur lindern, aber nicht verhindern können.

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