Linie 1 – Perspektivwechsel

C. Zahn, J. Becker, M. Stankowski v.l. (© joschwartz.com)

Die Caritas startete mit der KVB letzten Samstag zu einer außergewöhnlichen Straßenbahnfahrt: Vom wohlhabenden, reichen in das arme, weniger betuchte Köln, vom Westen in den Osten der Stadt . Von Lärmschutz über Wahl- und Bürgerbeteiligung, von der Ausstattung der Viertel und ihrer Infrastruktur, von Bildungsfragen und dem Wert von Gemeinwohlgütern bis zu Gesundheits- und Sozialpolitik reichte das Spektrum der Themen. Sie wurden vom Moderator Martin Stankowski, Pfarrer Franz Meurer und dem Kabarettisten Jürgen Becker und vielen kundigen Menschen an Bord vorgestellt.

So weit, so gut.

Eine Fahrt in der Straßenbahn bietet Gelegenheit zu einem Perspektivwechsel. Mir kommt Michel de Certeau[1]  in den Sinn und ich versuche mit seinen Augen zu sehen. Und ich nehme die Sichtweise von Dr. Johanes Stahl, Kurator des Kunstprojektes Erbarmen als soziale Form auf.  

Subbelrather Str. Köln-Ehrenfeld (© joschwartz.com)

Dabei kann man die Armut nicht immer so genau sehen. Pflegeleicht sind die meisten Fassaden, die man aus der Straßenbahn sehen kann und verbergen so sowohl Wohlstand wie Armut. Aber wer zuhört, kann einige spannende Fakten über die Realitäten vor Ort hören. Und die sind mitunter alarmierend: die verschieden hohen Arbeitslosenziffern in den unterschiedlichen Vierteln, die wahrscheinlichen Altersstände, wann durchschnittlich Arme oder Reiche sterben und wie weit das auseinanderklafft, hinter den vorbeiziehenden Fassaden. Ob die KVB tatsächlich der Ort ist, wo sich die temporäre klassenlose Gesellschaft am ehesten denken lässt?[2]

Ich sitze relativ bequem in einem sicheren Raum, einer rechtwinkelig durchorganisierten Zelle, ausgerichtet nach Vorne oder Hinten oder zur gegenüberliegenden Seite. Die Menschen in der Bahn bilden eine temporäre Zweckgemeinschaft. Je näher man einander in der Bahn bei normalen Fahrten sitzt oder steht, desto in sich gekehrter zeigt man sich: meistens mit verschlossenem Gesichtsausdruck. Jeder ist für sich, auch ich.

Jürgen Becker, Mülheimer Brücke (© joschwartz.com)

Draußen eine andere Unbeweglichkeit: Wenn ich diesen sicheren Raum mit den Blicken verlasse, präsentiert sich die Stadt in fast stehenden Bildern auf der anderen Seite der Scheiben der Bahn. Man kann den Eindruck gewinnen, die Silhouetten der Häuser und der Landschaften würden vorbeigeschoben. Sie verändern sich nicht, nur mein Blick wandert und stellt Beziehungen her. Die Scheibe schafft eine Trennung zwischen mir und meinen Gefühlenauf der einen Seite und dem Außen mit seiner Weite und der Vielzahl von Eindrücken auf der anderen Seite.

 

Am Ende sind wir im Pfarrheim in HöVi eingeladen. Hier ist es nicht reich, und es geht herzlich zu: dass die Brote frisch geschmiert sind, ist wichtig. Die Kirche aus Beton hat eine prägnante runde Form, unmittelbar darunter sind die Werkstätten der Gemeinde: es geht nicht zuletzt um berufliche Perspektiven für alle Jugendliche. Großzügigkeit hat viele Dimensionen in diesem ärmsten Stadtteil.2

Pfr. Franz Meurer (© joschwartz.com)

 Einmal eingestiegen gibt es keine Möglichkeit und Notwendigkeit zur Richtungsentscheidung. Sie ist gefallen durch die Schiene und die Maschine. Die Schiene ermöglicht die Durchquerung der Landschaft, der Stadt. Auf der unendlichen Linie der Schiene gibt es nur eine Richtung.

In diesem rasenden Stillstand, dieser schweigenden Unbeweglichkeit des Draußens, treten meine Gedanken, Träume und Gefühle hervor und innere Geschichten entstehen. Indem ich wie in einer abgeschlossenen Zelle durch die Stadt bewegt werde, bietet sich äußerer wie innerer Raum, mich mit mir und den Menschen in der Stadt zu beschäftigen. So entstehen innere Geschichten an diesen Orten des Müßiggangs und des Denkens zwischen zwei sozialen Treffpunkten, z.B. zu Hause und Arbeit, armen und reichenStadtteilen.

Am Ende unserer Fahrt steige ich aus und stehe wieder in der Wirklichkeit ohne den Schutz einer Glasscheibe und einer Schiene und muss mich den Kompromissen, Trübseligkeiten und Abhängigkeiten meiner Welt stellen.

Ab und an gibt es Gelegenheit, sich über das, was man wahrnimmt und was man denkt, bewusst zu werden und es auszutauschen.

So am vergangenen Samstag auf der Linie 1 zwischen Weiden und Vingst


[1]             Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 209ff.

[2]             Dr. Johannes Stahl, Kurator und Kunstvermittler

Über den Autor

Was ich mag:

Die Stadt entdecken in ihren Vierteln, Straßen, Plätzen. Dort, wo die Menschen leben. Mir die Veedel von ihnen zeigen lassen. Sich einander die Stadt erzählen. Ungesehenes entdecken. Räume wahrnehmen und weiten. Auch für die Caritas.
Manchmal wird was fühlbar. Wenn in St. Agnes die Sängerinnen und Sänger aus dem Viertel, aus den Gemeinden, aus verschiedenen kulturellen Gegenden dieser Welt das Finale von "Joy to the World" bestreiten. Das ist ein Erfolg: Gemeinde, Caritas, soziale Einrichtungen miteinander ins Gespräch bringen und ins gemeinsame Handeln.

Was ich nicht mag

Parallelwelten. Die Tafel als Billigentsorger der Nahrungsmittelwirtschaft. Tatkraft ohne Nachdenklichkeit und Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Besserwisserei gegenüber Benachteiligten. Wenn wir als Caritas die Not nur lindern, aber nicht verhindern können.

2 Kommentare zu “Linie 1 – Perspektivwechsel

  1. wieder bin ich begeistert von Eurer Kreativität, “Caritas” zu buchstabieren, jenseits von Sammeln und Tränendrüse.
    Solidarische Grüße aus Münster
    Prof. DDr. Hermann Steinkamp

  2. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen. Ihr leistet gute Arbeit, wünsche euch weiterhin viel Erfolg.

    Gruß Anna

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