Caritas Dialogreise Nord-Indien – Reisetagebuch

Samstag, 22.11.2014

Die Reisegruppe trifft sich am Airport Frankfurt. 17 Teilnehmer machen sich auf die Reise um Caritas Projekte in Nord-Indien zu erkunden, sie verstehen und deuten zu lernen und so neue und andere Dimensionen der Caritas-Arbeit zu erfahren. Caritas International, das internationale Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, lädt zu den Dialogreisen ein. Caritas International verspricht sich davon, dass die Teilnehmer der Dialogreisen neue und für sie ungewohnte Aspekte der internationalen Caritas-Arbeit kennen lernen und natürlich aber auch Caritas International im Bereich der Deutschen Caritas bekannter zu werden und die Unterstützung der unterschiedliche Ebenen zu verbessern.

17 Personen, zumeist Geschäftsführungen oder Vorstände der Caritas und seiner Träger nehmen teil. Vorstände von Ortscaritasverbänden, von Trägern und Orden, drei Diözesancaritasdirektoren dazu ein Führungsteam von Caritas International. Angeführt von Oliver Müller, dem Leiter von Caritas International werden wir von zwei Länderreferenten be- und geleitet. Ein vorbereitendes Treffen erfolgte bereits im Sommer in Freiburg wo das Reiseprogramm und wichtige Informationen kommuniziert wurden.

Im modernen Airbus A380 bekommt dann jeder Teilnehmer noch Platz. Zu Beginn sah das noch anders aus, die Deutsche Lufthansa hat den Flug überbucht und beim Einchecken war mein reservierter Sitzplatz verloren. Doch die ganze Gruppe kommt mit – Glück gehabt ?

Wir werden um 1.30 Uhr – nach 7 Std. Flugzeit – mitten in der Nacht in Delhi landen. Ich stelle meine Uhr auf Ortszeit Delhi um, 4 Stunden 30 Minuten macht der Unterschied. Gerade haben wir das schwarze Meer überflogen und fliegen über den georgischen Teil des Kaukasus auf Tiblisi zu. Schließlich geht es über Afghanistan an Kabul vorbei hinein nach Indien.

 

Sonntag 23.11.2014

Die Maschine landet pünktlich um 1.35 Uhr Ortszeit in Delhi, International Airport Indira Gandhi. Ein moderner Flughafen erwartet die Gruppe die sich nun zum ersten Mal komplett trifft. Die Einreiseformalitäten sind schnell erledigt, das Gepäck läßt aber auf sich warten. Endlich haben alle Teilnehmer ihr Gepäck und wir verlassen den Fluhafen. Draußen ein Schock: schwerer Smog liegt noch mitten in der Nacht über der Stadt, man kann vielleicht gerade mal einen Kilometer weit sehen. Abgase verpesten die Luft.

In einem alten klapprigen Bus fahren wir in die Stadt. Rechtsverkehr in Indien, der Flughafen ist auch mitten in der Nacht busy. Es geht über moderne Autobahnen und Schnellstraßen ohne das die Stadt Delhi eigentlich zu sehen ist. Dann irgendwann erreichen wir die Stadt. Ein unwirtliches Bild. Am Straßenrand mehr Ruinen als Häuser, bunt bemalte LKWs die sich hupend ihre Wege bahnen. Überall Autos, einige wenige Menschen sind noch zu sehen, sie sitzen beim Feuer am Straßenrand oder schlafen auf der Straße. Alles irgendwie irreal.

Um 4.30 Uhr erreiche wir unser Domizil, das Navjivan Renewal Centre, ein Bildungshaus der Jesuiten. Es geht schnell auf die Zimmer und ins Bett. Im Zimmer erwartet mich ein kahler langgestreckter Raum, nackter sauberer Boden, ein Bett, ein Tisch ein Schrank. Das Badezimmer leidlich sauber. Ich öffne meine Koffer, lege mich ins Bett, kann nicht wirklich schlafen. Um 5.30 Uhr rufen die Muezzine die Moslems zum Gebet, für mich nur eine fast unbewußte Episode einer unwirklichen Nacht.

Um 10.00 Uhr klingelt der Wecker. Zum Frühstück begrüßt uns der Reverend der dieses Haus leitet. Omelett mit Würstchen, Kaffee, Tee und Toast mit Marmelade. Das Leben kommt in den Körper zurück. Der Reverend war schön öfter in Deutschland, wir erzählen ein bißchen beim Frühstück. Der größte Teil der Gruppe ist schon mit dem Bus zur Kathedrale, hier gibt es ein Diözesanfest, einen Besuch in einem Hindu-Tempel und dann den Gottesdienst.

Ich spaziere über das Gelände, sitze im schönen Park. Die Luft ist besser und frischer als in der Nacht. Auf der großen Wiese spielt eine Gruppe weiß gekleideter Inder Cricket. Auf dem Tennisplatz fliegen die Bälle. Schon kommen die Taxis die den Rest der Gruppe zur Kathedrale bringen.

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Wir fahren aber gar nicht zur Kathedrale sondern direkt zum Hauptquartier des Indian Social Institute. Dies ist eine Organisation der Jesuiten, die soziale Bewegung und Politik in Indien unterstützt.

Wir feiern gemeinsam Gottesdienst. Immer wieder beeindruckend die Gottesdienste mit Indern. Völlig andere Gesänge, Ritus auf Hindi, völlig zurückgeworfen in die Erinnerung des eigenen Ritus ohne ihn unmittelbar selber zu feiern. Heute ist Fest des Christus Königs.

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Der Satz aus dem Evangelium “was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan” bekommt hier in Indien noch einmal eine ganz neue Bedeutung. Der “Geringste” scheint hier in Indien eine andere Dimension zu sein. Deshalb passt das Evangelium heute umso besser.

Nach dem Gottesdienst geht es zum Mittagessen. Wir essen gut und lecker, leider in einem bis zur Decke gekacheltem Raum – kulturelle Unterschiede machen sich an den verschiedensten Punkten fest. Gott sei Dank, das Essen ist nicht scharf, mein Magen bleibt verschont.

Unmittelbar nach dem Gottesdienst geht es zurück in das Jesuiten-Institut. Erstes Thema ist eine Selbst-Organisation von Hausmädchen aus nordindischen Stammesgebieten. Die Jesuiten und die Deutsche Caritas International unterstützen hier ein Projekt einer Vermittlungsagentur von Hauspersonal. Die Agentur hat das Ziel, Hauspersonal zu schützen, für Standards in den Arbeitsbedingungen zu sorgen und den Mindestlohn (von rd. 80 € Mtl.) einzuhalten. Ein spannendes Projekt. Mit im Raum sitzen rund 50 Hausmädchen, junge Frauen aus den Stammesgebieten in Nord-Indien. Sie haben einen Verein gegründet, vermitteln Hausmädchen, bieten Kontrolle und Sicherheit für die Hausmädchen und die Arbeitgeber. Vor ein paar Wochen habe ich die Chronik des SkF Köln gelesen. Auch die deutsche Sozialarbeit hat sich vor 120 Jahren um das Hauspersonal gekümmert. Die jungen Frauen, die vom Land in die Stadt kommen, bekommen Angebote nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Hier und heute aber im Vergleich zu den Anfängen in Deutschland moderne und strenge Selbstorganisation der Frauen.

Im Anschluss referiert der Leiter des Instituts zum sozialpolitischen Auftrag des Instituts und zu aktuellen Studien, die hier derzeit entstehen. Eine spannende Thematik. Wie wirken Katastrophenhilfen, welche Punkte machen Sie wirksamer oder behindern sie.

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Die Reisegruppe vor dem Indian Social Institute

Im Anschluss ist der “dienstliche” Teil des Tages beendet und wir machen noch ein bißchen Touristik. Wir besuchen Lodi Garden, eine alte Parkanlage aus der indischen Mogul-Zeit, die die Zeit des Kolonialismus und des jungen indischen Staates überlebt hat. Ein “englischer” Garten mit Mausoleen aus der Mogulzeit, riesig groß. Das Freizeitvergnügen der indischen “Upper Middle Class”. Gut situierte Familien picknicken zwischen Ruinen, dazwischen Hunde, Streifenhörnchen und Krähen. Schön, aber eben auch nur ein kleiner Ausschnitt der Stadt Delhi.

Wir fahren weiter im Bus, stoppen kurz am Sitz des Staatspräsidenten und am Parlament. Großes Theater, Prachtbauten, sie sich auf der ganzen Welt sehen lassen können. Dann zum “Gate of India”, einem Triumphbogen zur Erinnerung an tote indische Soldaten in den Schlachten der Geschichte.

Rund um das Gate of India tummeln sich Zehntausende, wir vermuten eine politische Demonstration, doch weit gefehlt. Ein ganz normaler Sonntag Abend, es ist Brauch und Sitte hier zu sein. Das Wohlgefühl inmitten der Zehntausenden ist begrenzt, so machen wir uns wieder auf in den Bus und fahren durch ein auch sonntäglich beeindruckendes Verkehrschaos zurück zu unserm Bildungshaus.

Zum Abendessen erwarten uns Präsident und Vice-President der Caritas India. Es wird ein geselliger Abend, die Happy Hour endet erst spät. Abfahrt für morgen früh ist um 8.10 Uhr avisiert.

 

Montag, 24.11.2014

Nach einer schlechten Nacht (Dank der Zeitumstellung und der steinharten Matratze) klingelt der Wecker um 7.00 Uhr.

Um 8.00 Uhr werden mich die Franzikanerinnen-Klarissen hier abholen und ich besuche die Provinz-Oberin in Noida, einer Stadt an der Grenze Delhis. Pünktlich sind die Schwestern da, die Oberin ist sogar mitgekommen. in einem großen Jeep fahren wieder erstaunlich flott und unproblematisch aus Delhi heraus. Schon nach 30 Minuten erreichen wir den Konvent.

Alle Schwestern begrüßen mich auf das herzlichste, singen für mich und beten für mich. Die Oberin übergibt mir Geschenke für meine Jungs (was es ist darf ich hier nicht verraten, sie lesen nämlich mit). Ich übergebe der Oberin den wunderschönen Kölner Dom den ich mitgebracht habe und den Scheck. Die Kölner Caritas unterstützt das Grundschul-Projekt der Franziskanerinnen-Klarissen in Tanzania mit einem Betrag von 3001,00 €. Die Oberin ist sehr überrascht und freut sich sehr.

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Alle Schwestern sind froh, applaudieren und singen zum Dank. Es ist eine ganz andere Atmosphäre, die Freude fühlt sich ein wenig kindlich an, ist aber unverstellt und ausgelassen. Schön solche Freude bringen zu dürfen. Diese nachhaltige Hilfe wird den Orden in die Lage versetzen, die Schule für ein weiters Schuljahr zu erweitern. Gerade wird aufgebaut, das erste Schuljahr steht, jetzt kann es schneller weiter gehen.

Ich frühstücke mit den Schwestern ein zweites Mal, wir beten und singen in der Kapelle. Dann zeigt mir die Schwestern die vom Konvent betriebene Schule.

Eine Schule für 3500 Schüler ist gleich nebenan. St. Franziskus ist die Schule gewidmet. Es ist eine Privatschule, die der Orden betreibt, der Staat hat den Grund zur Verfügung gestellt. Ab Kindergartenalter werden die Kinder hier bis zur 10. Klasse beschult. Der Kindergarten von 3 bis 6 Jahren, anschließend 5 Jahre Primary School, dann weitere 5 Jahre Secondary School. Danach schließt sich dann die High School an.

Die Schule kostet Schulgeld wie alle Schulen in Indien. Mit einer Zusatzgebühr wird das Schulgeld für einkommensschwache Eltern subventioniert. Für rund 20% der Eltern wird das Schulgeld subventioniert. Die Schule ist extrem nachgefragt, obwohl es gar kein christliches Umfeld gibt. Der Anteil der katholischen Kinder ist schwindend gering.

Die Schule wirkt außerordentlich gut ausgestattet und geführt. Computerräume, Laboratorien, die Bibliothek. Alles annähernd vergleichbar mit unseren deutschen Schulen. Ein Unterschied ist aber frappierend: ein sehr hohes Maß an Disziplin. Kaum treten wir in einen Klassenraum, schon stehen alle Schüler in ihren Uniformen kerzengerade und begrüßen den seltsamen Gast. Sie stellen brave Fragen zum Wetter in Deutschland, es ist irgendwie total süß. Am besten gefällt mit die Schulband. Sie rocken ein Lied für die Schwestern und mich, so dass die Festzen fliegen. Irgendwie würde ich eine solche Schule in Deutschland auch mögen, hier ist es deutlich sauberer, besser geführt und die Schuluniformen finde ich sowieso gut.

 

 

 

 

 

 

Nach einem 4-Augen Gespräch zur Entsendung von Schwestern breche ich wieder auf, zurück nach Delhi.

Wir fahren zum Zentrum der indischen Bischofskonfenrez, wo auch die Caritas India ihre Büros hat.

Father Joseph stellt uns die indische Bischofskonferenz vor. Mit 167 Diözesen bildet Indien -natürlich direkt hinter Italien- die zweitgrößte Bischofskonferenz der Welt. Die Arbeit der Bischofskonferenz wird durch verschiedene Nationale Institute unterstützt, Caritas India ist eines dieser Institute und bietet die fachliche Ebene der Caritasarbeit in der indischen Bischofskonferenz. Der Status dieser Kommission zeichnet sich dadurch aus, dass die Caritas-Kommission als einzige Ihren Sitz unmittelbar in den Räumen der indischen Bischofskonferenz hat.

Im Anschluss stellt uns Mister Raj die Arbeit der Caritas India für die “kastenlosen” Menschen, die sog. “Dalits” – oder auch die “Unberührbaren” genannt – vor. Ohne dass System der indischen Kasten an dieser Stelle auszuführen, sind die Dalits mit rund 20% der Bevölkerung die am stärksten benachteiligte und ausgegrenzte Gruppe der Gesellschaft. Die Zahl der Dalits in Indien beträgt rund 160 Millionen Menschen. Die Dalits stellen 80% der Christen in Indien, so dass die Sorge für diese Gruppe im Zentrum der Caritas steht.

Doch auch die indische Regierung hat zahlreiche Programme aufgelegt um Dalits zu unterstützen und zu integrieren. In vielen Bereichen der Gesellschaft gibt es von der Regierung festgelegt Quoten um Dalits Zugang zu Bildung und Arbeit zu geben.

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Eine Schwester stellt uns die Arbeit der Frauenkommission in der Bischofskonferenz vor. Sie stammt natürlich aus Kerala. Die Frauenkommission hat sich das Ziel gesetzt, die Anliegen von Frauen in den Fokus der indischen Bischofskonferenz zu rücken, sie organisiert selber Projekte und Programme zur Stützung von Frauen. Leider wirkt Indien hier genau so wie die Deutsche Kirche: Frauen und die Anliegen der Frauen haben in der Kirche eine völlig untergeordnete und unterrepräsentierte Bedeutung. Den Beleg legt uns die Bischofskonferenz selber vor: das Personalverzeichnis der Konferenz beinhaltet gerade einmal 3 Frauen ( und alle Ordensfrauen ). Dem stehen ca. 250 Männer gegenüber.

Father Stanislaus Turkey stellt die Arbeit der Bischofskonferenz mit indigenen Gruppen vor. Bei den indigenen Gruppen handelt es sich um stammesähnliche Gruppierungen aus besonders rückständigen Regionen Indiens, die gesellschaftlich massiv benachteiligt sind. Die Aufgabe der Bischofskonferenz liegt in der politischen Anwaltschaft und der Forschung. Operative Hilfsprogramm werden durch die Caritas umgesetzt.

Caritas Delhi

Auf geht es zum Mittagessen. Nach dem Essen besuchen wir die Caritas Delhi, die sich interessanterweise nicht Caritas nennt sondern den säkulären Namen “Chetanalaya” trägt. In den 70er Jahren gegründet hat die Caritas hier hochmoderne Themen: Education, Child Rights, Youth Development, Gender, Inclusion, Elderly People, Low cost Housing und die Reintegration von illegalen Auswanderern.

Diese Themen werden mit einer hochmodernen Management Konstruktion gesteuert. Unter dem Direktor fungiert je ein Finanz und ein Programm Manager. Unter diesen betreut ein Programm Officer ( wäre diemGeschäftsführungsebene) jeweils zwei Themenbereiche. Darunter folgen die Projektverantwortlichen mit Hoheit über Beschäftigte, Lehrer und Freiwillige.

80% der Mitarbeitenden sind keine Christen. Die Finanzierung der Aktivitäten erfolgt fast ausschließlich über CSR, also die Kooperation mit Unternehmen. Es gilt nun ein Gesetz, das bestimmt, dass alle Aktiengesellschaften die mehr als 50% in indischer Hand sind, 2% des Gewinns in den non-Profit Sector geben müssen. Insgesamt werden so rd. 270 Mill. €. In den Non-Profitbereich gespült. Firmen gründen nun eigene Stiftungen, doch der Staat will hier eine Nachbesserung beschließen die neue NGOs verbietet. Dies auch vor dem Hintergrund, dass alleine in Indien auf 600 Bewohner eine NGO kommt. Man rechne: 1,2 Milliarden Inder ………

Gegen 16.30 Uhr endet unser strammes Besuchsprogramm und wir machen noch ein bißchen Touristik. Der Bus führt uns durch das immerwährende Verkehrschaos zur Gedenkstätte für Mahatma Gandhi. Mitten in der Stadt wieder einmal ein gigantischer Park. bei Zugang kontrollieren bewaffnete Soldaten die Taschen und Rucksäcke. Dann im Zentrum des Parks ein schlichtes Mal.

Keine Grablege sondern ein Ort des Gedenkens. Mahatma Gandhi führte Indien auf einem konsequent gewaltfreien Weg aus der britischen Kolonialherrschaft. In der Zeit seiner Unabhängigkeit wurde Gandhi am 30. Januar 1948 von einem hinduistischen Eiferer auf dem Weg zum Gebet erschossen. Die Gedenkstätte ist an dem Ort, an dem seine Leiche gemäß der hinduistischen Tradition verbrannt wurde. Kein Grab erinnert an ihn.

Anschließend besuchen wir die zentrale Moschee in der Altstadt Delhis. Touristen werden gerade beim Einlass herausgehalten, da der Muezzin ruft und das Gebet beginnt. Ein kleines Bakschisch unseres indischen Teams hilft uns den Weg in den Hof der Moschee zu nehmen. Eine beeindruckende Moschee, die Muslime Kultur in unveränderter und einheitlicher arabischer Form vom Bosporus bis ins Ferne Indien. Die Kraft auch dieser Religion wird spürbar.

Der muslimische Basar liegt im Umfeld der Moschee. Ein irrsinniges Treiben, Massen von Menschen, Rikschas, Autos, Motorräder. Die Hupe bestimmt das Sein und das Fortkommen. Dazwischen unsere Reisegruppe, ein Fremdkörper. Bestarrt, angeschaut, angebettelt. Immer wieder, diese weißnäsigen stinkereichen Lulatsche …… Fremdkörper. Die Touristik des Handels ist eher angenehmen, die der Not eher abstoßend. Wir besuchen eine Armenküche, wie es sie nur im muslimischen Basarviertel gibt. Spezialisierte kleine Restaurants kochen für die Armen und Hungrigen. Die Menschen sitzen vor dem Restaurant auf dem Boden und warten auf Spender. Der Spender bezahlt dem Wirt eine Summe seiner Wahl und der Wirt läßt entsprechend viele der Hungrigen ins Lokal. Ein irritierendes System, doch bei näherem Nachdenken gefällt es mir sogar. Es hat Ehre, ist eine tripple Win Situation.

Trotz allem, es zehrt an den Nerven und am Gemüt als reicher Europäer hier die Armut der Allerärmsten zu betrachten. Ich bin froh, als wir gehen.

Ein Besuch in einem typischen Kebap-Restaurant folgt. Es liegt mitten im Basarviertel und einige von uns trauen sich doch, das Kebap zu essen. Köstlich, scharf und nur mit Massen von Brot für mich zu genießen. Thats what Indians call spicy !

Der Bus bringt uns durchs Getümmel zum Bildungshaus zurück. Müde Menschen gehen auf Ihre Zimmer, waschen sich denn endlich mal gründlich den Staub der Stadt aus dem Gesicht und fallen nach kurzem Abendessen in die Betten.

 

Dienstag, 25.11.2014

Wieder eine Nacht mit einer wachen Stunde, diesmal fällt in meiner Wachzeit der Strom aus und Delhi liegt in vollkommener Dunkelheit.

Am Morgen packe ich meinen Koffer und gehe frühstücken. Abfahrt um 8.15 Uhr geplant. Wir teilen uns in drei Gruppen auf und ich fahre mit meiner Gruppe zu einem Gemeinwesenarbeits-Projekt von Chetanalaya. Förderer ist u.A. Die Caritas Deutschland.

Das Projekt liegt in einem Stadtteil in ca. 20.000 Menschen, fast ausnahmslos Müllsammler, leben. Die Leute sammeln den Müll irgendwo in Delhi, fahren ihn in ihren Stadtteil, sortieren ihn dort und bringen den sortieren Müll zum Recycling.

Schon beider Einfahrt in den Stadtteil überwältigt der Müll die Sinne. Es ist keine Müllkippe, aber hier liegen Hunderte von riesigen Säcken mit Müll. Die Häuser dieses,Stadtteil bestehen immerhin aus Stein, es ist kein Slum, sondern einfach ein Stadtteil in dem die minderste Arbeit der Arbeit getan wird: das Müllsammeln. Die Menschen die hier wohnen sind Einwanderer und Flüchtlinge aus Bangladesch oder aus anderen Regionen Indiens.

In den größeren Gassen gibt es kleine Geschäfte, doch überall liegen die Säcke, überall wird sortiert. Papier, Plastik, Metall, Textil, alles wird umgepackt bis in das kleinste Teilchen. Wieder hinein in die riesigen Säcke und warten auf den Abtransport. Männer, Frauen, Kinder sortieren, dazwischen immer wieder größere Plätze auf den Menschen mitten in den Müllbergen sitzen und sortieren.

Neben den betonierten Gassen laufen Abwasserkanäle deren Inhalt eine heftig stinkende schwarze Brühe darstellt. Wehe dem der hier seinen Fuß hinein setzt.

Wir Sammeln uns im Haus der Chetanalaya. Dort warten ca. 10 Leute aus dem Projekt auf uns. Die Sozialarbeiterin erklärt uns, dass es Aufgabe des Projektes ist, Gruppenarbeit in zwei Sektoren des Stadtteils zu organisieren. Die Gruppen sind Frauengruppen, Gruppen von Jugendlichen und Kindergruppen. In den Gruppen werden die Menschen aufgeklärt über staatliche Sozialprogramme, Ihnen werden die Rechte und Pflichten als Bürger erklärt und nahe gebracht. Die Menschen sollen in den Gruppen lernen, sich für ihre Rechte und ihre Interessen einzusetzen. In einigen Gruppen liegt der Fokus auf Drogenproblemen (Opium, Heroin, synthetische Drogen, schnüffeln von Verdünnung) im Stadtteil. Drogenabhängigkeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wird als schwerwiegendes Problem gesehen. Extrem billige Preise machen selbst hier den Drogenkonsum leicht. Aufklärung und Prävention sowie Unterstützung der Abhängigen und Vermittlung in Rehabilitation werden durch die Gruppen in Verbindung mit den Sozialarbeitern von Chetanalaya durchgeführt.

Andere Themen und Projekte die in der Gruppenarbeit behandelt wird sind lokale Themen wie kaputte Straßenbeleuchtungen, Verbesserung des Trinkwassersystems und die Abwasserproblematik.

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Wir besuchen anschließend drei der Gruppen. Es ist extrem bedrückend durch dieses Elend zu laufen. ich komme mir vor wie ein Gaffer der hier nichts verloren hat – trotz der freundlichen Leute, der lachenden und winkenden Kinder, der staunenden Alten.

Die Beklemmung löst sich in den Gesprächen mit den Gruppen. Selbstbewusste Frauen treten auf, berichten davon, dass sie sich bei Parlamentsabgeordneten und bei der Polizei beschwert haben. Die haben eine Quittung für Ihre Beschwerde verlangt und wollen die Politiker so unter Druck setzen, etwas zu tun. Es ging um die Drogenproblematik des Stadtteils, das offene Dealen an bestimmten Ecken, darum, dass die Polizei nichts unternimmt. Sie wollen wissen, was wir Ihnen empfehlen zu tun, wie sie ihre Situation verbessern könnten.

Die jugendlichen Mädchen sind neugierig, wer wir sind und warum wir da sind, sie fragen uns Löcher in den Bauch. Sie wollen wissen wie es den jungen Frauen in Deutschland geht, ob sie die Schule besuchen, ob sie selber bestimmen dürfen, wen sie heiraten.

Die Kindergruppe schließlich besteht aus einer Regierung. Es gibt den Premierminister, den Sportminister, den Umweltminster, den Bildungsminister (der ist übrigens gerade nicht da, weil er in der Schule ist) und viel andere Ressorts. Die Jungs sind so um die 10 Jahre und sind fitte, schlaue Kerle. Die haben alle ein tolles Potential.

Die Wohnungen in denen wir die Gruppen betreten sind trostlos. Meist besteht die Wohnung aus einem Raum, vielleicht 3 x 4 m groß. In der Ecke meist ein höheres Holzgestell, das ist das Bett. dann vielleicht ein Regal mit ein paar Kochutensilien und ein Fach mit Kleidung. Hier leben ganze Familien mit bis zu zehn Leuten. Es gibt kein Bad, keine Toilette, kein Wasser. Vor der Tür der Müll, die Kloaken, es stinkt erbärmlich hier.

Und trotzdem ein Stadtteil voller Lebensmut. Das Projekt macht mutige und selbstbewusste Menschen – es wirkt wie ein Wunder, dass sie noch hier leben ……..

Wir essen noch im Zentrum des Chetanalaya und dann geht mit dem kleinen Bus quer durch Delhi zum Airport. Wiederkam das Chaos im Verkehr, unendliche Staus, ein Gedränge dass wie von einem andern Stern ist. Die Inder fahren tendenziell langsam, dazu zwingen die Straßen und der Verkehr einen. Fahrspuren sind ein theoretisches Konstrukt, alles drängelt und quengelt vorwärts. Der Inder kennt die Ausmaße seines Fahrzeugs exakt, es geht immer auf 2 cm – aber ohne Berührung – , was wie ein kontinuierliches Wunder wirkt. Außenspiegel gibt’s es längst nicht mehr, wenn, dann bleiben Sie sicherheitshalber eingeklappt.

Von Delhi Domestic Airport fliegen wir nach Patna. Ein ganz niegelnagel neuer Airbus A 320 fliegt uns die Strecke in 90 Minuten. Schön dabei, auf der linken Seite des Flugzeugs den Himalaya zu sehen. Weit aus den Wolken heraus, fast so hoch wie die Flughöhe unseres Flugzeugs.

Patna ist um 17.15 dunkel. Wir fahren ins Hotel – diesmal ein für indische Verhältnisse gehobener Standart. Heute wird es kein Programm mehr geben.

Von wegen !!!! Als ich um 19.00 Uhr in die Lobby komme gibt es neue Weisung! Wir essen nicht im Hotel, sondern fahren zur Caritas Patna und essen dort. Also wieder alle Menschen ins Auto, wieder einmal 15 Minuten orientierungslos durch die Gegend kutschiert, dann erreichen wir Caritas Patna.

Der Sitz der Caritas ist am Sitz der Diözese untergebracht. Insgesamt hat die Stadt Patna 10 Millionen Einwohner (!!!!), das Bistum und der Bundesstaat 80 Millionen. Alle diözesanen Institute und Einrichtungen sind hier untergebracht. Ein wunderschöner Park mit gepflegten Häusern, ein Haus für die Caritas, ein Gebäude als Pastorales Bildungshaus, ein Haus für pensionierte Priester, und ein von den Jesuiten geführtes Gymnasium. So schön habe ich kirchliche Gebäude selten gesehen, weder in Europa und erst recht nicht in Indien. Traumhafte Ruhe im Park, eine Oase in der Stadt. Wir besuchen noch kurz zwei der pensionierten Priester. Mit 87 und 86 sind sie die ältesten Priester des Bistums. Eine schöne kurze Begegnung.

Anschließend Happy Hour – diesmal mit Mengen von Bier. Es scheint, uns geht ein schlechter Ruf voraus. Dann irgendwann essen, zurück ins Hotel und einen Absacker an der Bar.

schön normal !

 

Mittwoch, 26.11.2014

Wie gut doch ein bequemes Bett, ein richtige Dusche mit heißem Wasser und ein europäisches Frühstück tut.

Tiefenentspannt geht es um 8.30 Uhr vom Hotel und los und zur Caritas-Zentrale. Dort gibt es ein kurzes Briefing für den heutigen Tag und eine Einführung zur Thematik des heutigen Tages.

Wir erfahren noch einmal einiges über den Bundesstaat Bihar. Er gilt als das Armenhaus von Indien und ist sehr landwirtschaftlich geprägt. Bihar gilt als extrem rückständig. Die Größe von Bihar entspricht in etwa der Größe Deutschlands. Im Norden grenzt der Bundesstaat an Nepal.

Wir beschäftigen uns heute mit den Musahar. Dies ist eine besondere Gruppe der Dalits (also den Kastenlosen bzw. der Unberührbaren, der niedersten Gruppe der indischen Bevölkerung). Diese Gruppe der Bevölkerung unterliegt einer besonderen Diskriminierung. Übersetzt heißt Musahar die “Rattenesser”. Seit dem 15 Jhd. wird dieser Stamm so bezeichnet. Der Überlieferung nach, haben die Musahar die Häuser und Ställe der höheren Kasten von Ratten befreit. Als Lohn durften Sie die Ratten behalten und essen. Gerade Frauen und Kinder aus dieser Gruppe sind heute immer noch extrem benachteiligt. Die Familien leben im ländlichen Raum als Tagelöhner, wohnen außerhalb der normalen Dörfer in gesonderten Siedlungen.

Das von Caritas Deutschland zum Teil finanzierte Programm, dass wir heute kennenlernen, beschäftigt sich mit der Schulbildung der Musahar-Kinder. Ziel des Programms ist,
A.) dass 70% der Kinder im Programmbereich die Grundschule abschließen sollen,
B.) dass 80 % der Eltern mit einbezogen werden und die Bedeutung der Schulbildung erkennen sollen und
C.) 15 Schulen sollen RTE (= staatliches Programm zur Unterstützung benachteiligter Schüler, Schulbücher etc.) in ihrer Schule anwenden.

Wir werden dazu in kleinen Gruppen zu den Dörfern fahren und dort die Schulen kennenlernen. Meine Gruppe besteht nur 3 Personen: George, Peter Seidel, der Indien-Referent von Caritas International und mir. In einem Jeep geht es los.

Endlos, endlos und endlos geht es auf einer sehr belebten marktähnlichen Straße aus der Stadt heraus. Hier wird die 10 Millionen Stadt plastisch. Wir fahren länger als eine Stunde so immer gerade aus und kommen erst allmählich an so etwas wie den Stadtrand.

Ein erster Stop ist in einem Konvent. Die Nonnen hier sind Teil des Programms und arbeiten mit Eltern. Zum einen organisieren sie Frauengruppen, die eine der sogenannten Spargruppen bilden. Hier treffen sich die Frauen regelmäßig, bringen wenn möglich, erspartes Geld mit. Der Betrag wird eingetragen und für viele Frauen und viele Frauengruppen gibt es ein Konto auf einer Bank. Über diese kleinen Spargruppen gelingt es, ein bescheidenes Vermögen aufzubauen, sich Reserven zu verschaffen oder gar auf die Eröffnung eines Businesses hinzuarbeiten. Tatsächlich haben einige der Frauen einen solchen Plan, wollen ein Geschäft aufmachen oder ähnliches. Diese Gruppen des Frauen-Empowerments werden in Indien und auch anderswo in der Entwicklungshilfe mit extrem hohen Erfolg durchgeführt. Tatsächlich ist der Zugang zu einem Bankkonto ein wichtiger Faktor zur Selbstbestimmung.

Wir fahren weiter zum Dorf. Die Gegend wird immer ländlicher und armseliger. Endlich sind wir auf dem platten Land, Felder bis an den Horizont. Wir sind hier im Überschwemmungsgebiet des Ganges. In der Regenzeit stehen hier alle Felder unter Wasser, so dass nach der Überschwemmung als erstes Reis angebaut wird. Dieser Reis wird derzeit in kleinen und kleinsten Gruppen geerntet. Im zweiten Gang wird Getreide angebaut, dann wird es so trocken, das nichts mehr wachsen kann. Hier fällt mir auch ein, woher ich den Namen Patna kenne: es ist der Patna-Reis, der von hier kommt und den die Welt kennt.

Die Dörfer sind Ansammlungen einiger Häuser, immerhin ist die Straße betoniert – und wegen der Überschwemmungen auf einem Damm gelegen. Die Erwachsenen, die nicht auf den Feldern sind, liegen herum, Kinder spielen im Dreck, alles ist unsagbar staubig. Kühe, Ziegen und Hunde wühlen im Müll, mal ein Feuer, mal ein Holzgestell, dass als Verkaufs-Tresen dient. Es ist extrem arm, in meinem Empfinden aber weniger trostlos als die Müllsammler von gestern.

Schließlich erreichen wir das Dorf. Vielleicht 30 Häuser, rund 200 Menschen sollen hier wohnen. Die Häuser sind aus Stein, sind sehr bescheiden. Es gibt kein Strom im Dorf, keine Toilette, aber zwei Wasserstellen. Die Tiere laufen kreuz und quer, auch die Menschen und die kleineren Kinder, alles wuselt. Alle Erwachsenen arbeiten hier als Tagelöhner für Großgrundbesitzer. Sie haben Arbeit und Geld wenn denn die Landwirtschaft Arbeit hat, in der übrigen Zeit haben sie nichts.

Wir gehen bis zur Schule, da der Jeep hier auch nicht mehr fahren kann. Die Primary School besteht aus einem einzelnen Raum. An der hinteren Wand ist auf dem Boden eine Feuerstelle, hier kocht eine Frau das Mittagessen für die Kinder. Die einzigen Möbelstücke des Raums sind ein alter Tisch und ein kaputter Stuhl, für uns werden drei weitere Plastikstühle geholt. 20 Kinder zwischen 5 und 9 sitzen auf dem Boden und schauen uns an wie Marsmenschen.

Stolz läßt der Lehrer präsentieren, was die Kinder können: ein Kind kommt nach vorne und zählt laut bis hundert, die ganze Klasse wiederholt. Dann zählt ein Kind das Alphabet auf, die Klasse wiederholt. Dann kommt ein Gedicht…….. Wir fragen die Kinder weiter, was sie werden wollen, Polizist, Ärztin, nur Lehrer wollte keiner werden. Die Kinder lesen vor, was an der Wand steht (übrigens der Name und die Handynummer vom Schulrat, auf der anderen Wand der Speiseplan für die Woche). Schließlich singen wir drei den Kinder was vor, “Auf einem Baum ein Kuckuck saß” und bringen den Kinder den berühmten deutschen Zauberspruch “Simsalabim Bambasaladu Saladim” bei.

Das hat richtig Spaß gemacht und ich empfinde alle die dramatische Armut nicht so trostlos wie gestern. Hier leben alle auf dem Land, da lebt es sich immer besser, die Menschen haben Tiere, die Kinder spielen.

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Ich schenke einem der Jungs das Auto das Vladik mir mit nach Indien gegeben hat. Ich bin froh das Vladiks Auto hier angekommen ist, und am Telefon hat Vladik mir gesagt, dass er sich genau so wie ich darüber freut.

Der Weg geht zurück nach Patna. Wieder der Weg über 1 1/2 Stunden über die Straße mit Markt ohne Ende. Wir kommen gerade noch so, dass wir einen Rest des Mittagessen bekommen. Während wir noch essen, besucht der Erzbischof von Patna, Archbishop William D’Souza uns. Es ist eine schöne Begegnung mit dem Erzbischof, er zeigt uns viel Respekt und ist eine erfrischend unprätentiöse Erscheinung.

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Der Bischof verläßt uns nach 15 Minuten wieder und wir treffen uns mit einer Mädchengruppe, die das Bildungsprogramm der Musahar erfolgreich durchlaufen ist. Wieder einmal verfestigt sich der Eindruck, dass starke Frauen in Indien entstehen, die dieses Land einmal verändern werden.

Oliver Müller, der Leiter von Caritas International, bläst kurzerhand den nächsten offiziellen Termin ab und die Gruppe fährt statt dessen zum Ganges, dem heiligen Fluß der Inder.

Der gewaltige Strom zieht sich träge durch die Ebene, die Brücke läßt Ahnung davon aufkommen, welche machtvolle Größe der Fluß einnehmen kann. Wir sind an einer Stelle, an der heute Morgen noch religiöse Handlungen der Hindus vollzogen wurden, und wir finden in den Überbleibseln des Morgens schöne Tongefäße für Räucherkegel und ähnliches. Schöne Erinnerungen an den Ganges.

Es geht anschließend zum Airport und um 19.50 Uhr startet unsere Maschine nach Kolkatta. Wir erreichen die alte indische oder besser britische Hauptstadt Indiens pünktlich um 20.20 Uhr. Wieder eine Megastadt, 18 Millionen Einwohner hat Kolkatta. Der megamoderne Airport wirkt futuristisch und wie aus einer zukünftigen indischen Epoche. Der Bus nimmt uns auf und 45 Minuten später erreichen wir das Zentrum der Caritas in der Diözese Calcutta. Ein einfaches Zentrum erwartet uns, doch der Charme von Father Francis macht alles wett. Ein unglaublich netter, offener und humorvoller Gastgeber kümmert sich um alles persönlich und da fühlt sich ein jeder doch gut aufgehoben…. und außerdem haben sie alle Zimmer für uns ganz frisch gestrichen.

 

Donnerstag, 27.11.2014

Ein europäisches Frühstück erwartet den geneigten Reiseteilnehmer im Karma des Father Francis. Toast, Eier, schwarzer Kaffee und sogar Käse hat er organisiert.

Nach dem Frühstück erfolgt das erste Projektbriefing für die heutigen Themen. Caritas Calcutta betreibt ein von DCV und BMZ finanziertes Programm zur Gemeinwesen-Mobilisierung in einem Müllsammler Stadtteil. Im Zielgebiet leben 1600 Familien, es handelt sich um ausgegrenzte Menschen mit entrechtetem Status, sozusagen die Ärmsten der Armen.

Eine wahre Geschichte ist der Schlüssel zum Projekt: Es geht um eine Familie, Vater, Mutter und ein Sohn von 12 Jahren. Die Familie war in der Stadt unterwegs, und wurde von der Polizei beobachtet. Die Polizei dachte, es wären Kriminelle und machte sich an, die Familie zu verhaften. Die Leute flohen von der Polizei, da sie schlimmstes befürchteten. Dabei geriet die Mutter unter einen Zug und starb. Der Vater brachte sich wenig später um und der Sohn wurde in einem Heim untergebracht.

Als festgestellt wurde, dass die Familie sich nichts zu Schulden kommen lassen hatte, gab es eine große Betroffenheit und diese Story ist das Schlüsselerlebnis, da diese Familie von der Gesellschaft “vernichtet”wurde.

Im ersten Schritt wurde die Sprache verändert, die “Müllsammler” wurden umgetauft in “Stadtverschönerer”, da sie ja eben die Stadt aufräumen und für die Beseitigung und das Recycling des Mülls sorgen.

In der ersten Phase des Projekts lagen die Ziele darin, die Menschen zu verstehen, ihre Probleme, ihre Hoffnungen, ihre Träume und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Die Themen, die behandelt wurden waren Gesundheit , Bildung, Erziehung. Menschen wurden informiert und geschult.

Nach drei Jahren erfolgte dann ein Paradigmenwechsel. Der Blick wurde auf das Gemeinwesen gerichtet, die Aktivierung des Gemeinwesens wurde zum Ziel. Dabei wurde eine bestimmte Methodik angewendet, der wiederkehrende Kreislauf bestimmter Elemente:
A= Analyse
I= Identifizierung der Anliegen
R= Ressourcen
p= Priorisierung
I= Implementierung

In dieser Projektphase lag das ersten Thema darin, die Geburt von Neugeborenen im Krankenhaus zu erreichen. Das Ziel wurde erreicht, von 58 Geburten im Zielgebiet gibt es nur noch eine Hausgeburt. Damit konnte eine Senkung der Sterblichkeitsrate erreicht werden und die Geburten wurden ausnahmslos beurkundet. Die Geburtsurkunde hat dabei den gleichen Status wie ein Pass, mit der Urkunde könnten sich die Familien Zugang zu staatlichen Sozialprogrammen für Ihre Kinder verschaffen.

Es wurden dann weitere Zyklen mit anderen Themen wie Sauberkeit, Recht auf Information etc. abgerollt.

Anschließend besuchen wir den Stadtteil.

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Wieder einmal ein Gang durch einen bedrückenden Slum. Paolo, der indische Projektleiter, führt uns durch die Gänge und Gassen bis wir ins eigentliche Zielgebiet kommen. Dieses Gebiet wird wieder einmal überaus beherrscht durch die Müllsammler bzw. Stadtverschönerer. Hier ist aber die Sortierung zur Perfektion gebracht. Alle Stufen der Separation von Müll werden hier im Slum durchgeführt. Die erste Stufe ist die grobe Sortierung: Plastik, Papier, Metall, Gummi etc. etc. werden nach Material getrennt. Die Stufe zwei ist die feine Trennung: weißes Papier wird von bedrucktem Papier getrennt, die verschiedenen Farben und Grundstoffe von Plastik werden getrennt etc. etc. die Sortierung erfolgt hier deutlich feiner, als ich es mir vorstellen konnte und als es auch bei uns erfolgt. Die Stufe drei ist dann die Herstellung eines neuen Grundstoffes, also die Herstellung von z.B. Granulaten im Bereich Plastik durch schreddern oder einschmelzen, die Zerkleinerung im Bereich Gummi etc. Hierzu gibt es eigene Maschinenparks bzw. kleine Fabriken im Slum. Wir schauen uns die Bearbeitung von Restplastik an, also Plastik der keiner eigenen Gruppe zuzuordnen ist. Dieser Plastik wird hier offen halb verbrannt, bis eine teerartige Masse bleibt. Diese Masse wird dann eingeschmolzen, in einem riesigen Fleischwolf in Fäden gezogen, die Fäden werden zerkleinert in spaghettiartige, ca. 5 mm lange Röllchen geteilt. Die Arbeitsplätze in diesem Bereich erscheinen so krass gesundheitsschädlich, dass sich die Frage stellt, wer hier ohne die Erkrankung an Lungenkrebs mehr als 5 Jahre arbeiten kann. Eine Frage, die nicht beantwortet wird.

An einer anderen Stelle, wird reiner weißer Kunststoff aus weißen Plastikflaschen aus dem Kosmetikbereich (die vorher sorgsam von allen anderen Plastikteilen getrennt wurden), in kleine Teile geschreddert. Die ca. 5 x 5 mm großen Teilchen erbringen einen Verkaufswert von 1,25 $ pro Kilo. Das ist richtig viel Geld und hier lagern Tonnen dieses Materials.

Wir gehen anschließend zu Bewohnern des Projektgebiets. Die Frauen schildern uns, wie sich sich treffen, welche Themen sie behandeln. Größte Probleme hier sind eine unsichere Wasserversorgung (nur 2 Std. am Morgen und 2 Std. am Abend) die Toilettensituation und die Vermüllung der Wege. In allen Fragen sind die Bürgerkomitees aktiv geworden. Die Vermüllung der Wege haben sie selber in Angriff genommen, und siehe, trotz Slum und Müllsammlern ringsherum, sind die Gassen frei von Müll und Unrat, erstaunlich sauber. Hier sind die Grenzen des Projektgebiets scharf zu erkennen. In Sachen Wasserversorgung wurde ein Protestschreiben an die lokale Verwaltung produziert. In Sachen Toiletten hat die Verwaltung nun öffentliche Toilettenhäuser gebaut. Deren Benutzung ist aber so teuer, dass sich kein Bewohner des Slums das leisten kann.

Wir besuchendes Büro des Projekts mitten im Slum und Paolo, der Projektleiter sowie eine Gruppe von Volunteers aus dem Projekt berichten uns. Aus Sicht der Mitarbeitenden hat das Projekt den Menschen hier im Gebiet ihre Würde zurück gegeben! …….und, dass Viertel ist inzwischen ein eher angesehenes Viertel in Kalkutta.

Wir laufen wieder zurück zur Caritas und queren dabei einen ca. 10 – 15 m breiten Kanal. Hier dümpelt schwarzes, übelst stinkenden Wasser vor sich hin. Am Rande des Kanals sind offene Latrinen – die einzigen, die die Menschen haben und sich leisten können. Kinder spielen am und leider auch im Kanal …… so etwas ist unfassbar. Wer das nicht gesehen hat, glaubt es nicht. Dagegen ist unsere Kanalisation pures Trinkwasser. Allein in der Nähe des Kanals ist das Atmen schier unmöglich, es stinkt wie die pure Pest.

Zurück in der Caritas diskutieren wir die Beobachtungen. Ich stelle die These auf, das wir zwei Welten gesehen haben. Die eine Welt des Projektes und seiner beachtenswerten Erfolge, und einer zweiten Welt, die aus den gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen und ausbeuterischen Strukturen hier besteht. Warum diese Welten denn so getrennt bleiben, ist meine Frage.

Die Projektverantwortlichen sind etwas peinlich berührt. Sie gestehen diese Beobachtung ein und geben an, das Themen aus dem Bereich der Arbeitsbedingungen der Männer bisher aus dem Projekt heraus nicht thematisiert wurden. Vielleicht würden das Themen der Zukunft werden. Ebenso das Thema des Kanals…..

Ich persönlich habe da andere Befürchtungen. Vielleicht wird das Thema der Arbeitsbedingungen auch mehr oder weniger bewusst ausgeklammert. Vielleicht würde die Akzeptanz des Projekts im Umfeld und bei der Administration sinken. Vielleicht stünde dem Projekt dann eine Auseinandersetzung mit den Mächtigen im Slum und in der Stadt bevor ……

Wir essen Mittag und Sinne beruhigen sich !

Nach dem Essen folgt eine Reihe von Präsentationen. Themen sind die Aktivitäten des Diözesancaritasverbandes in der Region, das Thema Kinderarbeit, das Thema Prävention vor den Folgen von Naturkatastrophen sowie die Zukunftspläne der Caritas in Kalkutta. Alles spannende Präsentationen, deren Inhalte ich mir hier aber leider ersparen muß.

Vor dem Abendessen treffen dann der Erzbischof von Kalkutta, Bischof Thomas D’Souza (übrigens eine Namensgleichheit zum Erzbischof von Patna) und der Präsident der Caritas, India Bischof Lumen Monteiro (CSC) ein. Ein hoher Besuch für unsere Gruppe.

Bischof Thomas D’Souza Erzbischof von Calcutta stellt die Herausforderungen der Kirche in Indien vor. Der Erzbischof von Calcutta trägt die wesentliche Anliegen und Herausforderungen der Kirche in Indien gekonnt vor. Es ergibt sich im Anschluss noch eine interessante Diskussion über die politischen Ambitionen der Kirche und Rolle der Kirche als Vertretung einer religiösen Minderheit.

Bischof Lumen Monteiro ist Bischof eines Bistums in Westbengalen, das ist eine ausgegrenzte Insellage am östliche Rand von Indien. Er stellt die Strategie der Caritas Indien vor. Die Ausrichtung der Caritas erfolgt auf die Bedürfnisse der Ausgegrenzten, und Entrechteten der Gesellschaft. Hierbei stehen die Themen Anwaltschaft, Bildung und Gesundheit besonders im Fokus.

Der Bischof ist Vertreter einer randständigen, kleinen und unbedeutenden Diözese in Indien. Dies wirkt auf mich persönlich nicht als Stärkung der Caritas India. Vielleicht kann es darauf hindeuten, dass Caritas doch eher eine Randerscheinung der Kirche in Indien ist und keine überragende Bedeutung innerhalb der indischen Kirche hat. Sicherlich ist der Bischof eine integre, offene und engagierte Persönlichkeit. Doch sein Status in der Bischofskonferenz ……. dürfte nicht der stärkste sein.

Die weitere Diskussion spinnt sich noch um die Kernfrage, ob Caritas Mittel zum Zweck (der Missionierung) oder aber originärer Selbstzweck der Kirche ist. Hier gibt es keine unzweifelhaften Antworten.

Die Bischöfe beteiligen sich an der anschließende Happy Hour. Hier gibt es viele weiterer Gespräche und auch witzige Sequenzen an die wir uns alle gerne erinnern werden.

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Freitag, 28.11.2014

Wir starten um halb acht mit dem Früstück, 8.00 Uhr ist die geplante Abfahrtszeit. Heute geht es raus aus Kalkutta, wir schauen uns ein Inklusionsprojekt in einer ländlichen Region an.

Nach indischen Maßstäben geht es pünktlich los. Quer geht es durch die Stadt und die Altstadt und wir sehen die ersten Eindrücke des alten Kalkuttas. Peter von Caritas International vergleicht die Stadt gerne mit Havanna und dieser Vergleich trifft absolut zu. Alte klassische Gebäude werden vom Klima und dem Zahn der Zeit zernagt, ein unglaublicher Charme des Verfalls legt sich über das Zentrum. Gummibäume wachsen aus Fassadenfronten. Die Feuchtigkeit und die Pflanzen erobern den urbanen Raum zurück.

Es geht weiter über die neue Brücke über den Hugli, einer der Mündungsarme des Ganges hinaus aus der Stadt. Es geht über eine erstaunlich gut ausgebaute Autobahn aufs Land.

Nach gut 2 1/2 Stunden Fahrzeit erreiche wir unser Dorf. Hier erwartet uns eine vorbildhafte Behinderteneinrichtung, die gemeinwesenbezogene Rehabilitation anbietet = CBR = communitiy based rehabilitation.

In dem wunderbaren Zentrum in einer kleine Stadt auf dem Land, versucht der Träger mit massiver internationaler Unterstützung die gemeinwesenbezogene Eingliederung behinderter Menschen zu organisieren. Das Zentrum wirkt schon irgendwie üppig, das First House on Place one could say. Die Geldgeber von außerhalb Indiens sind hier ersichtlich.

Trotz allem, das Haus macht ein tolles Angebot. Sie sorgen dafür, dass behinderte Kinder inklusiv beschult werden und setzen dies in den Schulen durch. Sie bilden die Lehrer aus, um inklusive Beschulung zu betreiben. Sie machen den Eltern Angebote Zuhause und kümmern sich um den Lebensunterhalt behinderter Menschen. Das alles macht Sinn und irgendwie sieht es aus, dass Indien unsere unsägliche Inklusionsdebatte erspart bleibt, einfach aus Not und der puren Sinnhaftigkeit.

Wir teilen uns in kleine Gruppen und wir fahren hinaus in eine Dorfschule. In einer der beiden Klassen werden zwei gehörgeschädigte Kinder im normalen Klassenverbund beschult.

Schulen sind immer toll, aber es macht auch Spaß zu sehen, dass alle anderen Kinder im Klassenverbund die Gebärdensprache erlernen um mit den beiden Mädels zu kommunizieren. Der Lehrer wirkt tatsächlich interessiert die Klasse hiermit zusammenzuführen und damit ist diese Klasse manch deutscher Klasse weit voraus, in der Lehrer nur über mangelnde Vorbereitung und Unterstützung klagen, ohne die pädagogische Chance einer inklusiven Beschulung zu erkennen.

Ich liebe diese Schulen. Die Kinder sind einfach unverstellt und toll, zuckersüß und die Schule ist trotz ihrer bedrückenden Schlichtheit ein Ort des Frohsinns und der Zukunft.

Danach geht’s weiter zu einem der Livelihood-Programme, hier wird versucht, behinderten Menschen den Lebensunterhalt zu sichern. Wir besuchen einen Kiosk im einem Dorf. Hier hat ein gehbehinderter Mann einen Lebensunterhalt durch einen Kiosk gefunden. Das Projekt hat ihn unterstützt und heute verdient er seinen kompletten Lebensunterhalt über den Kiosk.

Der letzte Besuch ist bei einer Selbsthilfegruppe von Eltern behinderter Kinder. Wir treffen die zumeist Frauen in einem Dorf, am Rande der Stapel von Reisstroh auf einer Plane sitzend. Die Frauen zeigen beeindruckend, wie sie sich für die Belange ihrer Kinder einsetzen. Sie treffen sich regelmäßig einmal im Monat, schreiben Protokoll und Anwesenheitslisten und verfolgen so Ihre Probleme und Anliegen konsequent, mit beeindruckender Konsequenz sogar. Die Begegnung auf dem Land ist eine Begegnung voller Kraft und Mut. Die Eltern setzen sich ein und Wirken weniger entmutigt als die Eltern nichtbehinderter Kinder im Dorf.

Es hat eine Menge Kraft, diese Bewegung in Indien zu spüren. Die Inklusion in Deutschland wirkt deutlich zurückhaltender und reservierter als hier im “Entwicklungsland” Indien. Die lieben Inder sind hier deutlich weiter als wir im ach so entwickelten Deutschland. Vielleicht ist es die “Gnade” der Armut, die Indien ein ausgebautes System von spezialisierten Einrichtungen erspart hat, Einrichtungen die nun eine konsequente Verfolgung der Inklusion eher behindern als befördern.

Nach dem Mittagessen diskutieren wir mit dem Vorstand des Vereins, ein Vorstand der überwiegend aus behinderten Menschen besteht. Manch kluge Diskussion findet aber keinen Raum, die Gruppe ist müde und träge.

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Kurz vor vier geht es dann wieder auf nach Kalkutta, uns erwartet erneut eine fast dreistündige Fahrt. Quer durch die ländlichen Gebiete ist es eine schöne Fahrt, doch die Müdigkeit und die Erschöpfung fordert ihren Tribut.

Unterwegs habe ich noch großspurig behauptet, dass der einzige weitere Input des Tages flüssig sein wird. Nichts da. Wir bekommen ein wenig Zeit uns frisch zu machen und bekommen dann noch eine Präsentation zu einem Krankenhaus außerhalb von Calkutta. Eigentlich schade. Die Gruppe ist am Rande ihrer Kraft und wir können dem gesagten nicht wirklich adäquat folgen. Schade, es war trotzdem interessant, doch nach 6 Stunden Autofahrt finden wir nur noch unsere Happy Hour spannend.

Fast am Rande erfahre ich dann, dass ein Auto liegen geblieben war und die Mitfahrer noch die besonders herausragende Sehenswürdigkeit eines Reifenwechsels auf indischer Schnellstraße geboten bekamen. Tja, Kosten und Mühen wurden tatsächlich keineswegs gescheut.

Ein Teil der Gruppe geht noch raus, Bethelblätter kaufen und kauen. Mir fordert die Müdigkeit und ein leicht angegriffener Darm seinem Tribut.

Das war der letzte Abend in Kalkutta. Morgen spät in der Nacht fliegt der größte Teil der Gruppe zurück nach Deutschland.

Samstag, 29.11.2014

Der letzte Tag in Kolkatta bricht an. Mein Bauch ist immer noch extrem nervös und schmerzt ein bißchen. Heute werde ich mich mit dem Essen sehr in Acht nehmen. Dazu passt besonders das bengalische Frühstück, dass Father Francis für heute versprochen hat. Na dann esse ich halt nur einen Toast mit Käse.

8.00 Uhr Abfahrt zum Mutterhaus der Sisters of Charity, dem Orden, dem Mutter Theresa angehörte und dem sie lange als Generaloberin vorstand. Das Kloster ist mitten in der Kalkuttaer Altstadt. Ein unscheinbares Gebäude am Rande einer Straße, auf der die alten Straßenbahnen Kalkuttas einen höllischen Lärm machen. Ein offener Hof, rundherum 3- oder 4stöckig bebaut.

Es geht in eine kleine Gasse und rechts um die Ecke und schon stehen wir im Innenhof des Kloster. Alles erinnert hier an die berühmte und inzwischen heilig gesprochene (???) Frau. Geboren in Albanien trat sie erst im erwachsenen Alter in den Orden ein. Ihre Arbeit im Orden, bei den Ärmsten der Armen in Kalkutta, hat sie und den Orden weltweit bekannt gemacht. Sie ist Trägerin des Friedensnobelpreises und vieler anderer Auszeichnungen, hat mehrfach vor der UN-Vollversammlung gesprochen.

Wir treffen Erzbischof D’Souza wieder, der uns freundlich gemeinsam mit der Oberin begrüßt. Die derzeitige Oberin ist übrigens eine Schwester aus Deutschland, sie kommt aus dem Münsterland und sie hat die Arbeit des Ordens hier nach Kalkutta verschlagen.

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Das Grab der Mutter Theresa ist in der Kapelle des Klosters. Ein schlichter Marmorblock mit einem Stein der Inschriften trägt. Die Oberfläche des Steins ist blumengeschmückt.

Wir feiern gemeinsam mit dem Erzbischof, Father Paul, Father Francis, Hans und Oliver einen Gottesdienst in der Kapelle. Francis hält eine unvorbereitete Predigt in der – theologisch mehr als wagemutig – die Liebe als Opfer beschrieben wird und die Liebe zu den Armen als Ausdruck dieses Opfers. Das sehen unsere Theologen Gott sei Dank ausnahmslos anders. Das tut dem feierlichen Gottesdienst nur wenig Abbruch – leider läßt der Lärm der Straße wenig Platz für Spiritualität.

Im Anschluss besichtigen wir das Zimmer, in dem Mutter Theresa die letzten Jahre ihres Lebens gelebt hat. Eine kleines, kaum 3×3 m kleines Zimmer mit einem schlichten Holzbett, einem Tisch und einem Regal. Beeindruckend einfach und schlicht.

Die Gruppe zieht weiter. Da der New Market noch nicht auf hat, wollen wir einige besondere Sehenswürdigkeit Kalkuttas kurz streifen. Zuerst besuchen wir kurz das Queen Victoria Memorial, ein Palast zur Erinnerung an die englische Königin – die damit auch koloniale Queen of India war. Das ganze im Zuckerbäckerstil des beginnenden 19. Jhds.

Irre, was hier für ein Denkmal hingestellt wurde. In diesem armen Land, im dem die Menschen damals noch weniger zu essen hatten als heute, bauen die Kolonialisten einen solchen Protzbau. Was ist das für eine Demonstration gegen die einfachen Leute ? Es war schon eine üble Zeit und heute Gott sei Dank so nicht mehr vorstellbar.

Danach geht es zur damals Anglikanischen Kathedrale von Kalkutta, die St. Pauls (?) Cathedral. Ein großer weiter, weißer Bau, in einem typisch anglikanischen Stil, wohl in der gleichen Zeit wie das Memorial entstanden.

Weiter geht’s nun zum New Market. Leider bricht das völlige Verkehrschaos aus. Wir stehen fest und weiter geht’s scheinbar nimmer. So steigen wir aus und sehen sofort die Ursache des Chaos. Es gibt eine riesige Demonstration von Moslems, zig Tausende Menschen kommen mit Bussen an und ziehen zum Demonstrationsplatz. Die Stimmung wirkt ein bißchen aggressiv vielleicht ist das aber auch nur meine Wahrnehmung. Wir passen höllisch auf, dass sich die Gruppe nicht verliert, keiner der Teilnehmer würde hier so leicht wieder heraus finden.

Im Park redet dann einer der Moslemführer in einer unglaublich aggressiven Art, er brüllt und zetert, so etwas ist sehr ungewohnt für europäische Ohren. Keiner weiß genau worum es geht, Peter Seidel meint zu wissen, dass Moslems gerade die ihnen zugesicherte Quote im indischen Parlament verlieren und dass scheint das Thema zu sein.

Am New Market teilen wir uns in 4 Gruppen auf. Father Francis hat aus dem ehrenamtlichen Pool der Caritas 4 weibliche Einkaufhilfen und -beraterinnen um Hilfe für uns gebeten. So laufen wir denn unter sachkundiger Führung durch den Bazaar. Es gibt hunderte kleiner Läden, alles ist eng und wuselig und anscheinend geht es hier am ehesten um Schals und Saris. Leider aber kaum schöne, sie entsprechen dem Geschmack der Inder hier vor Ort und nicht unseren Europäischen Design-Anforderungen.

Mit Oliver und Hans laufe ich durch die Schlachthalle und hier wird es mir etwas anders. Ein altes Steingebäude schwarz und in Teilen zerfallen.

Ein bestialischer Gestank. Hier werden Tiere zerlegt, die Hygiene ist unsäglich, überall Laufen Katzen und Hunde herum, Dohlen und Krähen hüpfen, fliegen und picken in Abfällen. Sie sitzen auf irgendwelchen Stangen an der Decke und scheißen auf die Holzblöcke auf denen die Metzger hacken, es ist unvorstellbar schmutzig. Damit werde ich für diese Reise Vegetarier. No more meat in India.

Am Ende der Halle wirds noch doller, hier wird Geflügel geschlachtet. Die armen Tiere sind jeweils zu zehnt an den Beinen aneinandergebunden und werden in Serie verarbeitet. Einer sitzt auf dem Haufen Geflügel obendrauf auf dem Boden und schneidet Kehle um Kehle durch und bricht dann anschließend im gleichen Arbeitsgang das Genick. Das Bündel fliegt zum Nächsten. Hier werden Füße und Flügel abgehackt. Der Nächste rupft die Federn und so geht es weiter. Es ist einfach nur schrecklich und ekelhaft. Das Blut läuft über den Boden, die Katzen lauern auf Reste der Eingeweiden. Alles ein unvorstellbarer Dreck.

Wir treffen unserer Einkaufsbegleiterin wieder, sie hat inzwischen mit Monika Schals gekauft. Wir hätten doch eine Männergruppe bilden sollen…..
Some Spices, something else. Die Suche nach indischen CDs erweist sich als problematisch, wir finden dann aber noch einige CDs die ich gerne für den Hintergrund meiner Videos nehmen möchte.

Zurück zur Caritas, Mittagessen, Koffer packen und wieder in die Autos.

Es geht zum Airport und zurück nach Delhi. Das letzte Mal durch das Chaos von Kalkutta, an den stinkenden Kanälen vorbei und immer an der Metrobaustelle entlang zum Flughafen. Unser Flug ist verspätet, so hängen wir herum und warten ewig bis es denn losgeht. Ich finde immerhin für meine Jungs ein nettes Mitbringsel, zwei Tuktuks die dreirädrigen indischen Taxis die schon 50 Jahre und älter zu Tausenden alle indischen Städte prägen.

Der Flug nach Delhi ist ruhig. Ich schaue mit touristische Filme über Kalkutta und das Taj Mahal an, schreibe ein wenig Tagebuch und so vergeht die Zeit,wie eben im Flug.

Von Delhi Airport sind es nicht einmal 5 Minuten Fahrzeit bis zum Hotel. Ich checke mit meiner kleinen Taj Mahal Gruppe ein, und wir treffen die anderen beim Abendessen und zur Schlußauswertung unserer Reise. Endlich einmal wieder ein nicht-indisches Essen. Das mag verwunderlich klingen, doch wer einen so empfindlichen Magen wie ich habe, weiß genau worum es geht. Zum Essen ein Bier und es geht in die Schlußauswertung.

Alle loben die super super gute Organisation der Reise durch die Caritas India mit lautem Applaus. Das Programm wird als abwechslungsreich und diffundiert gelobt, kritisch merke ich an, das wir doch viel Zeit zum Reisen verbraucht haben. Wir saßen oft stundenlang in Autos, so auch gestern 3 Std. hin und 3 Std. zurück. Da steht Aufwand und Ertrag nicht immer im optimalen Verhältnis. Ich will an dieser Stelle nicht alles gesagte wiederholen, doch hier und heute – und ich sitze gerade im Flieger nach Hause möchte ich anmerken, das die Reise auch eine unerwünschte Wirkung erzielen kann. Wir waren an vielen problematischen Orten, haben katastrophale Dinge gesehen, extremen Schmutz. Manchmal mag dabei der Eindruck entstehen, dass das für ganz Indien repräsentativ wäre. Ist es aber nicht, es ist ein Ausschnitt, eine Lupe auf dieses Land gerichtet die große Probleme zeigt. Das Schreckliche was man sieht, verbirgt dann das Schöne. Vielleicht sollte man auf der Caritas-Dialogreise auch einmal bewußt einmal – zu einem Termin – den Blick auf das Schöne des Landes werfen.

Abschied. Abschied von den lieb gewonnenen indischen Kollegen wahrscheinlich auf immer, von dem deutschen Kolleginnen und Kollegen auf längere Zeit. Immerhin gibt’s ein Nachtreffen, irgendwann im Frühjahr in Freiburg. Manche werde ich in Caritaszusammenhängen treffen, andere wohl kaum, andere sicher nicht.

Es war ein tolle Gruppe. Sie hat richtig Spaß gemacht, es war immer gute Laune – auch vor dem Bier !

So farewell to you all, ich freu mich, wenn ich euch wiedersehe.

 

Sonntag, 30.11.2014

Jetzt sind wir nur noch 4. Gitta, Oliver, Uwe und ich sind die kleine Taj Mahal Gruppe, die die Reise um einen Tag verlängert hat.

Es geht weiter im gewohnten Stakkato. Frühstück um 7.00, Abfahrt um 8.00. An der Rezeption gibt es etwas Huddel. Einerseits ist noch ein Teil der Rechnung der Gruppe auf Uwes Zimmer gebucht. Also müssen wir wieder einmal mit Sunil telefonieren und die Sachen klären. Dann weigert sich das Hotel, für uns alle vier ein Zimmer zu reservieren, naja, dann haben halt zwei ein Zimmer und zwei nicht.

Vor der Türe wartet Anwar und der Fahrer auf uns. Ab geht’s Richtung Taj Mahal. Es geht wieder ein Stück Richtung Delhi, wir bleiben aber im südlichen Teil der Stadt und fahren nach Osten. Wir passieren abermals Noida, hier habe ich letzten Montag die Schwestern besucht. Noida zeigt sich als Industrie- und Produktionsstadt mit hohem Potential. Überall wachsen die Hochhäuser mit Büros und Konzernen in den Himmel. Dann kommt die Sport City mit Cricket Stadium und Formel 1 Rennstrecke. Ein seltsamer Widerspruch. Braucht Indien eine Formel 1 Rennstrecke ??? Hier leben und sterben Menschen auf der Straße, hier gibt es hygienische Bedingungen die zum Himmel stinken und zum Himmel schreien. All das, aber eine Formel1 Rennstrecke und Satelliten ins All schicken. Ein Land voller Widersprüche.

Die Autobahn Richtung Taj Mahal ist das Beste was Indien an Straße zu bieten hat. Mit nahezu deutschem Standard geht es dreispurig über die Mautstraße und damit ohne viel Verkehr. Trotzdem brauchen wir für die gut 200 km mit Pause fast 4 Stunden. Wir erreichen Agra, die Stadt der indischen Mogule.

Es geht ein bißchen durch die typisch indisch wuselige Stadt. Dann fahren wir auf einen Parkplatz, Anwar kauft Tickets und in einem Elektro-Mobil geht es noch einen Kilometer weiter. Dann stehen wir an der äußeren Umfassungsmauer des Taj Mahal. Ohne großes Gedränge kommen wir hinein und kommen zum ersten Hof der Anlage. Anwar erklärt uns die Geschichte des Bauwerks.

Der oder das Taj Mahal (deutsch: Tadsch Mahal, „Krone des Ortes“ bzw. „Kronen-Palast“) ist ein 58 Meter hohes und 56 Meter breites Mausoleum (Grabmoschee), das in Agra im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh auf einer 100 × 100 Meter großen Marmorplattform errichtet wurde. Der Großmogul Shah Jahan ließ ihn zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal (Arjumand Bano Begum) erbauen.

Der Bau des Taj Mahal wurde kurz nach dem Tode Mumtaz Mahals im Jahr 1631 begonnen und 1648 fertiggestellt.Beteiligt waren über 20.000 Handwerker aus vielen Teilen Süd– und Zentralasiens und verschiedene Architekten, unter anderem Ahmad Lahori und der aus Badakhshan (heute Afghanistan) stammende Perser Abu Fazel. Er verschmolz persische Architektur mit indischen Elementen zu einem Werk der indo-islamischen Baukunst. Die Baumaterialien wurden aus Indien und anderen Teilen Asiens mit 1.000 Elefanten herangeschafft. 28 verschiedene Arten von Edelsteinen und Halbedelsteinen wurden in den Marmoreingesetzt.

Eine weit verbreitete andere Legende besagt, dass ursprünglich ein gleiches Bauwerk aus schwarzem Marmor als Mausoleum für Shah Jahan auf der anderen Seite des Flusses Yamuna geplant war, das aber nicht verwirklicht wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite des „weißen“ Taj Mahals lag eine Parkanlage mit einem großen Wasserbecken. Das weiße Taj Mahal hat sich in diesem Becken gespiegelt und erschien im Wasser schwarz.[4] Shah Jahan wurde von seinem Sohn Muhammad Aurangzeb Alamgir entmachtet und verbrachte den Rest seines Lebens als Gefangener im Red Fort. 1666 wurde er neben seiner Gattin beigesetzt. Sein Grab zerstört die Symmetrie des Gebäudes, was belegt, dass er vorhatte, sich ein eigenes Grabmal zu errichten, zumal er, um diese Symmetrie zu bewahren, ein Rasthaus auf der östlichen Seite des Gebäudes errichten ließ, das der Moschee auf der westlichen Seite ähnlich ist.

Das Taj Mahal liegt nicht im Zentrum des Gartens, wie bei persischen Grabmälern üblich, sondern am nördlichen Rand, was nahelegt, dass ein weiteres Grabmal auf dem gegenüberliegenden Ufer geplant war. Die vom Fluss getrennten Gebäude wären dann wiederum im Zentrum des nunmehr großen Gartenareals gewesen, wie es dem persischen Verständnis vom Himmel als von einem Tschāhār Bāgh entspricht. (Kursive Zeilen aus Wikipedia).

Durch das Süd-Tor betreten wir den inneren Garten der Anlage. Und da steht es. Majestätisch und stolz präsentiert sich eins der schönsten Gebäude der Welt. Ein atemberaubender Anbl

Der weiße Marmor glänzt in der Sonne. Die Kuppel des Mausoleums wird umrahmt von 4 Minaretten. Die perfekte Moschee als Grab des Moguls und seiner Lieblingsfrau. Perfekte Proportionen, perfekte Lage, unglaublich edel und schön gearbeiteter Marmor mit farbigen Intarsien. Zum Teil florale Muster, zum Teil Suren aus dem Koran. Trotz der vielen Intarsien wird das Gebäude niemals bunt, die Harmonie wird an keiner Stelle gestört und erst durch das perfekte Kunsthandwerk unterstrichen.

Eine weit verbreitete andere Legende besagt, dass ursprünglich ein gleiches Bauwerk aus schwarzem Marmor als Mausoleum für Shah Jahan auf der anderen Seite des Flusses Yamuna geplant war, das aber nicht verwirklicht wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite des „weißen“ Taj Mahals lag eine Parkanlage mit einem großen Wasserbecken. Das weiße Taj Mahal hat sich in diesem Becken gespiegelt und erschien im Wasser schwarz.[4] Shah Jahan wurde von seinem Sohn Muhammad Aurangzeb Alamgir entmachtet und verbrachte den Rest seines Lebens als Gefangener im Red Fort. 1666 wurde er neben seiner Gattin beigesetzt. Sein Grab zerstört die Symmetrie des Gebäudes, was belegt, dass er vorhatte, sich ein eigenes Grabmal zu errichten, zumal er, um diese Symmetrie zu bewahren, ein Rasthaus auf der östlichen Seite des Gebäudes errichten ließ, das der Moschee auf der westlichen Seite ähnlich ist.

Das Taj Mahal liegt nicht im Zentrum des Gartens, wie bei persischen Grabmälern üblich, sondern am nördlichen Rand, was nahelegt, dass ein weiteres Grabmal auf dem gegenüberliegenden Ufer geplant war. Die vom Fluss getrennten Gebäude wären dann wiederum im Zentrum des nunmehr großen Gartenareals gewesen, wie es dem persischen Verständnis vom Himmel als von einem Tschāhār Bāgh entspricht.

Wir betrachten das Gebäude, sind ergriffen von seiner Schönheit und es geht uns allen gleich: wir sind unglaublich froh, diesen Tagesausflug gemacht zu haben. Dieses unglaublich schöne Gebäude versöhnt mit einigem was wir auf dieser Reise gesehen haben. Es versöhnt mit Indien und dem Gefühl das dieses Land hinterlässt.

Wir drängeln mit den Indern zu eigentlichen Mausoleum. Je näher man dem Gebäude kommt umso beeindruckender werden die Muster und Intarsien die dem Gebäude einen für diese Kulturregion erstaunlich zurückhaltenden Schmuck geben. Im Inneren werden die Marmorarbeiten immer feiner u d das Gedränge immer größer. Hier kann man nicht mehr genießen, hier wird man Teil der indischen Masse und ich in froh, als ich wieder draußen bin.

Wir laufen so langsam zurück zum Treffpunkt und verabschieden uns mit einem letzten Blick aus der Nähe. Einer der schönsten Anblicke meines Lebens.

Weiter geht’s. Keine Müdigkeit. Es gibt ein passables Mittagessen in einem Hotel im Ort und anschließend fahren wir weiter zum Agra Fort. Aus dieser Residenz heraus haben die Mogule das Land regiert. Es gibt reichhaltige Sagen und Geschichten. In Kürze dazu folgendes:

Das Rote Fort in der nordindischen Stadt Agra ist eine Festungs– und Palastanlage aus der Epoche der Mogulkaiser und diente im 16. und 17. Jahrhundert mit Unterbrechungen als Residenz der Moguln. Das Rote Fort wurde 1983 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Ein Teil des Geländes wird heute militärisch genutzt und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Der Bau des Forts wurde 1565 unter Akbar dem Großen, der die Hauptstadt von Delhi hierher verlegen ließ, aufgenommen und unter seinen Nachfolgern, vor allem unter Shah Jahan, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erweitert. Die Ummauerung war bereits 1571 abgeschlossen. Palastbauten wurden jedoch nicht errichtet, da Akbar bereits kurze Zeit später (1572) in Fatehpur Sikri eine neue Hauptstadt gründete, die er jedoch ebenfalls bald wieder aufgab um in Lahore zu residieren. Während Akbar vorwiegend in rotem Sandstein aus Barauli in Rajasthan bauen ließ, bevorzugte Shah Jahan weißen Marmor mit Verzierungen aus Glas und Halbedelsteinen als Baumaterial. 1648 wurde die Hauptstadt nach Delhi zurückverlegt, womit auch das Rote Fort an Bedeutung verlor. Nach seiner Machtergreifung 1658 stellte Aurangzeb seinen Vater Shah Jahan im Roten Fort von Agra unter Hausarrest, wo dieser im Jahre 1666 auch starb.

Die gesamte Fort-Anlage hat einen halbmondförmigen Grundriss und ist von einer bis zu 21 Meter hohen Mauer umgeben, deren Umfang 2,4 Kilometer beträgt. Die Mauer besteht in ihrem Kern, wie die Mehrzahl der umschlossenen Gebäude, aus Ziegelstein und ist mit roten Sandsteinplatten verkleidet. Von diesen roten Sandsteinplatten rührt auch der Name des Forts. Nur zwei Haupttore, das Delhi-Tor und das Lahore-Tor, gewähren Einlass in das riesige Gelände. Im Innern befinden sich repräsentative Palastbauten aus der Zeit Shah Jahans sowie Moscheen und Gärten. Der Baustil vereint in harmonischer Weise Elemente islamischer und hinduistischer Baukunst. (Kursive Zeilen aus Wikipedia)


Die gewaltige rote Mauer läßt von außen kaum vermuten, was innen passiert. Eine für damalige Verhältnisse uneinnehmbare Festung bietet innen einen Regierungssitz. Audienzhalle, Verwaltungsgebäude, Moscheen, Wohngebäude, Hamam, alles ist vorhanden und in einem erstaunlichen Zustand. Die tollste Geschichte ist aber der Gefangenentrakt in dem Aurangzeb, der Sohn des Erbauers des Taj Mahals, seinen Vater Shah Jahan für lange Jahre inhaftierte – um den Vater und den Schatzmeister vor weiteren aberwitzigen Ausgaben zu “schützen”.

Dieser Teil des Forts ist besonders prächtig gefasst. Offenbar hatte der Sohn mächtige Gewissensbisse und hat daher das Gefängnis seines Vaters so edel wie möglich gestaltet. In seiner Gesamtanlage stellt das Rote Fort in Agra meines Erachtens den Topkapi-Palast in Istanbul in den Schatten. Der Vater bekam seinen Teil komplett aus weißem Marmor.

Eine wunderschöne Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick über das Flußtal. In der Ferne schimmert das Taj Mahal in der Sonne.

Es wird so langsam später Nachmittag und die Sonne geht bereits unter. Anwar leitet uns noch mit sanfter Gewalt zu einem gigantischen Souvenir-Laden, leider ist alles radikal überteuert und aus der Provision wird nichts.

Dann geht es zurück nach Delhi. Eine lange Fahrt durch die Dunkelheit bis zum Hotel. Wir erreichen das Hotel gegen 22.30 Uhr und haben noch Zeit in unserem Zimmer zu duschen und den Koffer richtig zu packen. Um 1.00 Uhr in der Nacht soll der Shuttle-Dienst uns die kurze Strecke zum Airport bringen.

Leider gibt es schon wieder Ärger mit der Rezeption, jede Rechnung ist hier falsch. Mit ein bißchen Gezeter und  Diskussion geht es dann.

Überglücklich finde ich am Flughafen endlich vernünftige Souvenir-Shops und kann für meine Jungs und meine Frau schöne Sachen finden und mitbringen. Sie werden sich richtig freuen.

Im Flieger habe ich riesiges Glück. Mein gebuchter Sitzplatz mit großer Beinfreiheit  ist wunderbar, und auch niemand auf dem rechten Nachbarsitz. So können auch Langstreckenflüge angenehm sein. Ich schlafe sofort ein und werde wieder wach über Polen.

Die Reise ist zu Ende. Eine Reise mit vielen netten Menschen, mit einer perfekten Organisation. Eine Reise die mich mit vielen neuen Dingen konfrontiert hat: eine überwältigende Armut, krassen Gegensätzen, unzumutbare Hygiene und mit mutigen Menschen voller Elan, ihr Leben zu verbessern. Gut, das Kirche und Caritas dazu beitragen.

 

 

Über den Autor

Peter Krücker: als Sprecher des Vorstandes bin ich für alle Leistungen der Kölner Caritas der Letztverantwortliche. Gemeinsam mit meinem Kollegen Hubert Schneider bilde ich den Vorstand - bin sozusagen der Chef.

Was mich begeistert: Mut und Initiative, klare Worte und deutliche Meinungen. Ich habs gerne, wenn Leute die "Ärmel aufkrempeln" und anpacken statt ständig nur rumzureden. Und mich begeistern meine beiden Kinder. Mit den Kinderaugen sieht die Welt manchmal völlig anders aus - und das Leuchten in den Augen haben zu viele Menschen schon verlernt.

Was mich ärgert: Ungerechtigkeit ! Das regt mich auf und da muss jeder den Mund aufmachen! Und wenn der Mund nicht aufgemacht wird, macht sich jeder zum Teil der Ungerechtigkeit. Und was mich noch ärgert, ist nörgeln und meckern statt besser machen. Dumpfes Gerede ohne Inhalte, Reden ohne Wissen, worum es wirklich geht.

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