Mitmenschlichkeit

Die Sonderbriefmarke zu Weihnachten 2014 wurde am 10.12.2014 im Caritas-Therapiezentrum für Folteropfer/Flüchtlingsberatung durch Rainer Maria Kardinal Woelki und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble präsentiert.
Kardinal Woelki überraschte bei dieser Gelegenheit die Leiterin des Therapiezentrums mit einem Scheck von 150.000 € für eine Psychologenstelle, die das Therapiezentrum dringend für die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen braucht. Brigitte Brand-Wilhelmy war überwältigt und freute sich über die Unterstützung aus den Mitteln des Stiftungszentrums Erzbistum Köln.

Hier finden Sie die beeindruckende Ansprache von Kardinal Woelki zur Situation von Flüchtlingen und Mitmenschlichkeit:

“Wer auf das Bild der Wohlfahrtsmarke schaut, entdeckt einen Stern. Damit sage ich Ihnen natürlich nichts Neues. Aber – ich lade Sie ein, jetzt einmal mit mir die Welt unter diesem Stern zu betrachten … nicht vor 2.000 Jahren – heute.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind mitten auf dem Meer. Es ist Nacht. Unter Ihnen, um Sie herum nur Wasser. Sie sind nicht allein. Sie sitzen in einem Boot, eng zusammengedrückt. Mit vielen, vielen anderen Menschen, die – wie Sie – eine illegale Überfahrt über das Mittelmeer für teures Geld bei Schleppern erkauft haben. Sie haben furchtbare Angst. Aber auch großen Hunger. Vor allem Durst. Das Boot wird hin und hergeworfen. Übler Geruch überall. Was bedeuten einem Menschen – dort auf dem Mittelmeer – die Sterne in diesem Moment?

Sind sie Verheißung? Sind sie Hoffnung? Sind sie beruhigend oder bedrohlich? Sucht man nach Sternschnuppen, die einen Wunsch erfüllen? Sind Sie Ablenkung? Orientierung? Wir wissen es nicht, weil wir alle, die wir hier sind, nie die Erfahrung von Flucht und Vertreibung machen mussten.

Todesangst, dem Spiel der Wellen und – schlimmer – der Willkür der Menschen mit Maschinengewehren auf dem Boot, ausgesetzt zu sein, das hat niemand von uns erfahren müssen. Gott sei Dank.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, an was diese Menschen noch glauben. Hoffentlich in ihrem tiefsten Innern an einen Gott, der ihnen Zuversicht und Hoffnung auf Ankommen und einen Neuanfang schenkt. Die Sterne sind in vielen Religionen und mystischen Anschauungen Boten für einen Neuanfang. Auch in der Bibel.

Der vierte Schöpfungstag macht die Sterne zum Bestandteil des himmlischen Uhr-werks, dem Wechselspiel zwischen Tag und Nacht. Abraham spürt die göttliche Verheißung, indem der Herr ihm ebenso viele Nachkommen wie Sterne am Himmel verspricht.

Und jetzt, mitten im Advent, denken wir alle natürlich zu allererst an den Stern, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg zeigte. Schon im Alten Testament wird prophezeit: „Ein Stern wird aus Jakobs Stamm aufgehen“.

Es ist die Ankündigung einer neuen Zeit, eines Neuanfangs. Der Stern über Beth-lehem steht für das Ankommen. Ich möchte nichts romantisieren. Es geht um Menschen im absoluten Überlebenskampf, die mehr brauchen als einen Stern am Himmel, der ihnen den Weg weist.

Sie müssen wissen, dass Sie ankommen dürfen, dass auf sie Mitmenschlichkeit wartet und mehr als nur ein Bleiberecht auf Zeit – Sie brauchen eine neue Heimat. Für uns in Europa, in Deutschland, in Köln, für die Kirchen und die Caritas der Kirche soll dieser Stern ein Himmelszeichen sein – ein Zeichen für unsere mitmenschliche Verantwortung, die wir tragen für den Neuanfang der Flüchtlinge bei uns. In unserer Verantwortung liegt es, ihnen Sicherheit zu geben, ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf, Nahrung, Beschäftigung und nachbarschaftliche Solidarität.

Ich bin zutiefst dankbar, dass wir heute zu Gast sind in einer Einrichtung, die dieser Verantwortung mehr als gerecht wird. Hier, im Caritas-Therapiezentrum für Folteropfer, erfahren Betroffene Aufnahme und einen Ort, an dem sie ihre Erlebnisse verarbeiten lernen.

Psychologinnen und Psychologen stellen sich mit den Klienten den schlimmsten Erfahrungen, die Menschen auf Erden machen können. Verzeihen Sie, aber ich kann nicht über Sterne und den Himmel sprechen, wenn vor meiner Haustüre die Not Traumatisierter zum Himmel schreit.

Dass diese wichtige Arbeit hier nicht regelfinanziert ist, ist ein dramatischer Man-gel an Mitmenschlichkeit. Und es geht noch weiter: Während bislang Flüchtlinge unabhängig vom Stand ihres Asylverfahrens an EU-finanzierten Maßnahmen des Europäischen Flüchtlingsfonds teilnehmen konnten, sollen künftig nur noch Asyl-suchende im laufenden Verfahren an Programmen des neu gegründeten Asyl- und Migrationsfonds teilnehmen können. Das ist bedarfs- und lebensfremd. Oft haben Flüchtlinge erst mit der Sicherheit eines Aufenthaltsstatus die Kraft, ihre Traumata zu bearbeiten. Diese Menschen gehen nach der Neuordnung der europäischen Finanzzuschüsse nun leer aus, was dringende therapeutische Maßnahmen betrifft. Wer heute ein Schiff steuert, der muss entweder einen Kompass haben oder nach den Gestirnen seine Route bestimmen.

Eine entscheidende Koordinate leuchtet da oben seit über 2.000 Jahren hell: Mit-menschlichkeit. Damit kommen Sie beim Nächsten und bei Gott gut an.”

Über den Autor

Monika Kuntze sorgt als Geschäftsfeldleiterin Integrations- und Familienhilfen für passgenaue Beratung und Angebote für Flüchtlinge, Zuwanderer, Kinder, Jugendliche und Familien.

Das begeistert mich: Begegnungen mit anderen Menschen, Kulturen und Religionen. Diese Vielfalt erlebe ich in unseren Caritas-Kitas, wenn die Kinder unabhängig von Vorurteilen miteinander spielen, wo das Miteinander, dass Verbindende im Vordergrund steht.
Diese Begegnungen bringen Vielfalt, vor allem aber bereichern sie.

Mich ärgert: Toleranz und Begegnung auf „Augenhöhe“, Globalisierung, soziale/kulturelle Vielfalt sind Herausforderungen unserer Zeit. Die Realität sind rechtsextreme, fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen. Junge Migrantinnen und Migranten erleben Diskriminierung in den Bereichen Schule, Ausbildung und Beruf, aber auch in Freizeit, Sport und im alltäglichen Leben.

Wir Christen müssen gemeinsam mit ihnen und vielen anderen in dieser wichtigen Frage Flagge zeigen und eine klare Position der Nachfolge Jesu in der Kölner Stadtgesellschaft beziehen. Alles ist in dem einen Satz zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

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