“Das Wichtigste ist, dass ich lebe” – 30 Jahre Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Leiterin des Therapiezentrums Brigitte Brand-Wilhelmy, Ayse Tuncer und Caritas-Vorstand Peter Krücker

Leiterin des Therapiezentrums Brigitte Brand-Wilhelmy, Ayse Tuncer und Caritas-Vorstand Peter Krücker

Seit die 42-jährige Ayse Tuncer durch das Caritas-Therapiezentrum für Folteropfer begleitet wird, hat sie neues Selbstvertrauen gefasst. Als junge Frau war sie gewerkschaftlich in der Türkei aktiv, wurde verhaftet und gefoltert. Vor vier Jahren kam sie mit ihrem Mann nach Köln. „Die erste Zeit ging es mir sehr schlecht. Ich hatte große Schuldgefühle, weil ich meine Familie und meine Freunde zurückgelassen hatte. Ich fühlte mich als ein Nichts.“ Schließlich hörte sie vom Therapiezentrum. „Es hilft sehr, dass ich hier über meine Probleme sprechen kann. Das Wichtigste ist für mich, dass ich lebe. Ganz allmählich kommen auch die Gedanken an die Zukunft. Ich möchte gerne wieder in meinem Beruf als Krankenschwester arbeiten. Dafür lerne ich jetzt intensiv Deutsch.“

1985 wurde das Therapiezentrum für Folteropfer als Modellprojekt des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) als bundesweit erste Einrichtung dieser Art für schwersttraumatisierte Flüchtlinge gegründet.

Hier geht es zum Film über das Therapiezentrum und die Jubiläumsveranstaltung.

In der Anfangszeit flohen viele Menschen vor Folter und Verfolgung aus der türkischen Militärdiktatur nach Deutschland, berichtet Brigitte Brand-Wilhelmy, die Gründerin und Leiterin des Therapiezentrums. Es folgten Überlebende von Folter und Kriegen aus Äthiopien, Eritrea, Somalia, aus dem Jugoslawienkrieg, dem Iran, Irak, Afghanistan. Zurzeit kommen immer mehr Klienten aus Syrien.

Prominente Unterstützer des Caritas-Therapiezentrums Nazan Eckes und Navid Kermani

Prominente Unterstützer des Caritas-Therapiezentrums Nazan Eckes und Navid Kermani

Die Traumatisierungen zeigen sich in postraumatischen Belastungsstörungen, Angstzuständen, Depressionen, körperlichen Schmerzen. Viele haben auch Schreckliches auf ihrem Fluchtweg erleiden müssen. „Das Erlebte kann außerdem das Kurzzeitgedächtnis blockieren und das Erlernen der deutschen Sprache sehr erschweren“, erklärt Brand-Wilhelmy.

Auch nach 30 Jahren reißt die Notwendigkeit der Hilfe für traumatisierte Menschen nicht ab. Rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. 40 % der Flüchtlinge, die Deutschland erreichen, gelten als traumatisiert. Rund 1000 Flüchtlingen kann das Therapiezentrum im Jahr helfen. Damit kann der Bedarf längst nicht gedeckt werden.

„Es ist ein Skandal, dass es für eine solche Einrichtung keine Regelfinanzierung gibt.“ sagt Caritas-Vorstand Peter Krücker. Finanziert werden die Basiskosten wie Mietanteile und die Sozialarbeit durch das Erzbistum Köln. Für die therapeutische Arbeit ist die Einrichtung auf Projekt- und Stiftungsmittel sowie Spenden angewiesen. „Therapeutische Leistungen für Flüchtlinge im Therapiezentrum müssen als Kassenleistungen anerkannt und ohne Wenn und Aber regelfinanziert werden“, fordert er. Dafür brauche es auch die Fürsprache der Politik. Wertschätzung erfährt das Zentrum viel, aber das müsse sich auch in einer stabilen Finanzierung niederschlagen.

Aus Anlass des Jubiläums hatte der Caritasverband zu einer Veranstaltung ins Domforum mit Unterstützern und Förderern eingeladen, zu denen auch Schriftsteller Navid Kermani und RTL-Moderatorin Nazan Eckes zählen. In einem Grußwort wandte sich Kermani an die Gäste: „Die extreme Ungleichheit zwischen Arm und Reich, zwischen Krieg und Frieden, die Ungleichheit auf engstem Raum wird nicht mehr aufrecht zu erhalten sein, dazu trägt der Flüchtlingsstrom bei. Es kommt natürlich viel Arbeit auf uns zu, es kommen nicht nur Ingenieure und Fachkräfte, wie die Wirtschaft es sich wünscht. Es kommen auch Unausgebildetete, Traumatisierte. 30 Jahre Therapiezentrum für Folteropfer sind für mich Anlass, Danke zu sagen, dass es das Zentrum gibt. Danke an die Initiatoren, an die Geldgeber, danke an das Team des Therapiezentrums“.

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

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