Eine Rechnung, die nicht aufgeht

Ein Gastbeitrag von Nils Freund, Fachberater Caritaspastoral

In den nächsten Tagen werden in Köln-Ostheim die ersten Menschen, die in 10 Wochen errichtete Leichtbauhallen beziehen. In jeweils 5 Hallen sollen insgesamt 400 Menschen untergebracht werden, also je 80 Personen auf 15m x 50m! Auf dem von der Stadt Köln veröffentlichten Grundriss dieser Hallen sind noch 100 Personen vorgesehen, die Zeit wird zeigen, welche Rechnung aufgeht. Bei der ersten Vorstellung dieses Leichtbauhallenkonzeptes versprach die Stadt zwei große Vorteile. WP_20160115_09_42_17_RichZum einen wurde den Menschen, die eine solche Unterkunft bewohnen sollen, ein im Vergleich zur Unterbringung in Turnhallen höheres Maß an Privatsphäre versprochen. Zum anderen wurde vor allem der Kölner Bevölkerung versprochen, dass mit Errichtung der Leichtbauhallen die Beschlagnahme von Turnhallen in Köln nicht mehr oder nur noch eingeschränkt nötig sei.

Beide Rechnungen gehen nicht auf. Man muss sich nur die aktuellen Flüchtlingszahlen anschauen, um zu erkennen, dass die Stadt jede Woche eine solche Unterkunft für 400 Personen eröffnen müsste, um die Unterbringung aller Menschen in einer solchen Notunterkunft zu gewährleisten.

Der Speisesaal

Der Speisesaal

Geplant sind in der ersten Jahreshälfte jedoch nur zwei bis drei. Woher die Stadt ihre Zuversicht nimmt, dass diese Hallen nur über einen Zeitraum von zwei Jahren genutzt werden, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Die Bewohnerinnen und Bewohner einer solchen Unterkunft haben nur wenige Möglichkeiten, diese auch wieder zu verlassen. Entweder sie finden auf einem sowieso schon angespannten Wohnungsmarkt selbst eine Unterkunft, oder sie werden in eine „Phase 3/4″ Unterkunft der Stadt verlegt. Hier sind die Kapazitäten weitaus geringer und die (Um-)Bauzeiten ungleich länger als im Leichtbauhallenkonzept, ein Stau ist somit vorprogrammiert. Variante drei der Leichtbauhalle zu entkommen, ist die für Flüchtlinge wohl dramatischste, dann müssten sie nämlich Deutschland wieder verlassen. Was bedeutet dies nun für die Menschen, die in einer solchen Unterkunft leben müssen?

Sie wohnen in einem vollständig umzäunten Gelände auf dem sechs barackenähnliche Hallen stehen, die nachts mit Scheinwerfen beleuchtet werden. Sie wohnen in einer Halle, in der ihr gesamtes Hab und Gut in einen Spind passen muss. Sie schlafen in einer Halle mit 79 andern Menschen, ohne Trennwände und Privatsphäre. Nachts leuchtet das Scheinwerferlicht in die Unterkunft und die Nachtbeleuchtung wird eingeschaltet. Wenn ein Kind schreit, ein Bewohner spät in der Nacht nach „Hause“ kommt, jemand hustet, schnarcht, sich streitet oder liebt, werden alle teilhaben. Gegessen wird im Schichtbetrieb. Das Essen wird geliefert, selber kochen ist nicht erlaubt. Das, was Familien stark macht, im Privaten ihren Alltag gestalten, ihre Kultur und Eigenheiten (aus-)leben, wird nicht oder nur stark eingeschränkt möglich sein. Das alles wäre für viele Flüchtlinge sicherlich noch auszuhalten, wenn es sich um eine Notlösung für ein paar Wochen handeln würde. Stellen sie sich jedoch bitte einmal vor, Sie müssen 1 ½ Jahre in einer solchen Einrichtung leben. Wenn meine Rechnung aufgeht, wird das eher die Regel, als die Ausnahme sein.

Über den Autor

“Gast” ist das Profil unserer Gast-Autorinnen und Gast-Autoren, die für taufrische Geschichten von vor Ort sorgen. Denn egal ob von vorbildlichen Jugendprojekten oder schwierigen Teenagern, von Missständen in der Pflege oder rührenden Begegnungen im Altenheim, von Flüchtlings-Diskriminierung oder einer Willkommenskultur: Die Caritas-Mitarbeitenden in den verschiedenen Zentren, Einrichtungen und Projekten erleben die Spanne zwischen Freud und Leid täglich hautnah. Aus diesem Grund berichten in unserem Blog immer wieder Mitarbeitende der vielfältigen Caritas-Geschäftsfelder unter dem Profil “Gast”.

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