Yes, we can schaffen das

Es ist schon bezeichnend, wie groß der Einfluss Amerikas auf uns ist. Nicht nur weltpolitisch; auch auf unsere Kleidungs-, Ess-, Freizeit- und Sprachgewohnheiten. Das amerikanische Lebensgefühl ist das, was viele von uns als erstrebenswert sehen: The easy way of living – halt. Immer freundlich, immer lächelnd. Umso erstaunlicher ist es, wie das deutsche „Yes, we can“ der Bundeskanzlerin so schwer auf unserer Volksseele lastet. Statt Euphorie und einen vorzeitigen Friedensnobelpreis für vorerst geplante politische Taten bringt ihr „Wir schaffen das“ die deutsche Volks- und Politiker-Seele zum Brodeln.

Auch wenn wir so oft neidvoll auf Amerika schauen und fast alles schick und trendy finden, was von dort kommt und dort passiert, scheint das deutsche Gemüt doch tradierter und schwermütiger zu sein. Da kommt der doch eher dem deutschen Wesen innewohnende Pessimismus im Gegensatz zum ewig gut gelaunten und strahlenden amerikanischen Optimismus zum Ausdruck. Obwohl dies dem noch amtierenden amerikanischen Präsidenten auch in der deutschen Bevölkerung viel Sympathie und seinerzeit Vorschusslorbeeren gebracht hat. Das Glas ist in Deutschland eben immer halb leer und nie wirklich halb voll. Ein Volk der Dichter und Denker zu sein, führt offenbar auch zu der Pflicht, alles zu hinterfragen, alles zu kritisieren, alles zu analysieren.

Die Sorge der deutschen Bürger(innen) geht einer Mitte Januar veröffentlichten Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) zum Verbrauchervertrauen dahin, dass die Deutschen wegen der “Flüchtlingskrise” Angst um ihren Wohlstand haben. 85 Prozent der Bundesbürger fürchten finanzielle Einbußen wegen des großen Zustroms von Asylsuchenden; 60 Prozent sind deswegen sogar sehr besorgt um ihre persönliche finanzielle Situation.

Die Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen sind dabei enorm, so die Autoren. Nur noch jeder vierte Bundesbürger blickt optimistisch in das neue Jahr, während sich Anfang 2015 noch jeder dritte Deutsche positiv zeigte. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Verbraucher auch viel zu verlieren haben. Denn der eigene Lebensstandard habe sich aus Sicht der Deutschen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Nehmen uns die Flüchtlinge unseren Wohlstand oder helfen sie uns, von unserem Überfluss abzubauen?

Auch der Bundeshaushalt weist trotz „Überlastung“ und „Überforderung“ durch die Flüchtlingssituation eine deutlich schwärzere Null auf und das, obwohl schon gigantische, nicht geplante Summen zur Verfügung gestellt worden sind. In manchen Branchen von Wirtschaft und Beschäftigung wirkt sich die Flüchtlingssituation konjunkturell geradezu positiv aus. Davon profitieren Wirtschaft, Menschen und Staat wiederum.

Solidarität mit dem Schwächeren wurde als Kernelement unseres Sozialstaates und grundlegendes Gestaltungsprinzip unserer Gesellschaft früher mal groß geschrieben. Heute scheinen wir uns dies trotz Überfluss und Wohlstand nicht mehr leisten zu können. Solidarität ist am Ende vielleicht nur mehr noch ein Sternchen am Etikett „sozialer Bundesstaat“ mit dem Hinweis im Kleingedruckten „unverbindliche Preisempfehlung”.

Über den Autor

Dorothee Bodewein leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung; ob es um Arbeitslosigkeit, Integration von Neuzuwandernden und Einwanderern, Überwindung von Armut und Verschuldungssituationen, sozialraumorientierte soziale Arbeit, die Kooperation mit Migrantenorganisationen, Antidiskriminierungsarbeit, interkulturelle Öffnung oder die Förderung bürgerschaftlichen Engagements geht, immer geht es darum, Menschen Perspektiven zu geben und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Das begeistert mich...
... dass es Menschen gibt, die sich haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen, ihre Zeit schenken sowie ihr Wissen und Können einbringen, um ältere, alleinstehende, einsame, kranke oder fremde Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten, in ausweglosen Situationen Zuversicht, Perspektive und Anstoß zu geben.

Das ärgert mich ...
... wenn Menschen ausgegrenzt und in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Behinderung, Gesundheit und Leistungskraft, Erfolg oder Misserfolg; ja, wenn Menschen ihr Recht auf Würde, freie Entfaltung, Chancengleichheit oder einfach anders zu sein, abgesprochen wird.

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