“Ich bin behindert, ich werde arm leben.”

Tag 4 der Projektreise mit caritas international nach Marokko, 31. Mai, Teil 1, Blogbeitrag von Marianne Jürgens und Guido Geiss

Vor rund 10 Jahren war die Situation für Menschen mit Behinderung in Marokko noch hoffnungslos. es gab keinerlei Förderung. Es ist Initiativen betroffener Eltern zu verdanken, dass es jetzt Förderzentren gibt, Schulbesuche in Regelschulen möglich sind und Jugendliche mit Behinderung beruflich qualifiziert werden.
Heute haben wir das Förderzentrum der “Vereinigung der Zukunft” besucht. Gegründet wurde es 2006 von Fatima Serhane, sie ist selbst Mutter eines Sohnes mit geistiger Behinderung. Als sie ihn in einer Regelschule anmelden wollte, stieß sie überall auf Ablehnung, selbst Privatschulen sagten ihr: Ein behindertes Kind ist unzumutbar, wir sind nur für die Normalen da.

So hat sie die Sache selbst in die Hand genommen und mit einer integrierten Schulklasse begonnen. Im Laufe der Jahre kamen weitere dazu, außerdem Förderangebote wie Physiotherapie, psychologische Unterstützung, Kreativworkshops und Qualifizierung in Massage, Friseurhandwerk, Hauswirtschaft, Schreinerei und vielem mehr. Mittlerweile hat die charismatische 56-jährige viele Auszeichnungen erhalten und Unterstützung von vielen Seiten.
Sie hatte selbst eines der katholischen Gymnasien besucht, von denen der Bischof uns am Tag vorher berichtet hatte. Daher lag es für sie nahe, sich mit ihrem Anliegen an die Caritas zu wenden. Die Caritas in Marokko hilft im Rahmen ihres Programms des zivilgesellschaftlichen Engagements und finanziert u.a. die gesamte Ausstattung des Zentrums: “Ohne Caritas wäre es nicht möglich.” 120 Kinder besuchen ihr Förderzentrum inzwischen.
Heute gibt es überall in Marokko solche Zentren, den Bau finanziert die Stiftung König Mohammed V., die laufenden Kosten werden aber nicht gedeckt.
Viele Kinder mit Behinderung stammen aus armen Familien und diejenigen, die reich sind, werden durch die Fördermaßnahmen, die sie meist selbst bezahlen müssen, mit der Zeit arm.
Aber es tut sich etwas, eine entsprechende gesetzliche Regelung ist im Entwurfsstadium.
Die gesellschaftliche Akzeptanz hinkt allerdings noch weit hinterher.
Fatima Serhane berichtet von Diskriminierung. Noch gibt es keine Perspektive, dass die Jugendlichen mit dem, was sie im Zentrum lernen, Geld verdienen können. Die Marokkaner haben zum Beispiel Angst, das Essen sei vergiftet. Die von ihnen hergestellten Produkte lassen sich nicht verkaufen.
In ländlichen Gebieten ist es noch schlimmer. “Also werde ich mich auch dort engagieren”, sagt sie. “Und wir verstecken uns nicht, im September habe ich mit unseren Schülern ein großes Fest auf einem öffentlichen Platz geplant, damit alle sehen, was sie können.”
Es ist also noch ein langer Weg bis zur Inklusion in Marokko, aber die ersten bedeutenden Schritte sind getan.

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Fatima Serhane gründete ein Förderzentrum für Kinder mit geistiger Behinderung.

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In der Schreinerwerkstatt

Gehörlos in Marokko
Ein anderer Teil der Gruppe besuchte heute eine Schule für gehörlose Kinder und Jugendliche eines zivilrechtlich organisierten Vereins, der von Caritas Rabat begleitet und unterstützt wird. Teil der Schulbildung ist die berufliche Qualizifierung von Jugendlichen zu Schreinern, NäherInnen und FriseurInnen, immer mit dem Ziel, ihren Lebensunterhalt selber verdienen zu können. So haben vier Mädchen nach dem Ende ihrer Ausbildung einen eigenen, erfolgreichen Friseurssalon eröffnet.
Trotz der vielen kleinen Erfolge scheint Marokko noch von einer flächendeckenden Arbeit Förderung von Menschen mit Behinderung entfernt zu sein. Familien mit Menschen mit Handicap werden in finanzieller Hinsicht und in der Früherkennung mit ihrer Problematik nach wie vor von staatlicher Seite alleine gelassen. Marokko hat allerdings die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und macht sich mit viel zivilem Engagement auf den Weg. Die Caritas kann hier in Teilbereichen ihre Unterstützung anbieten.

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Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

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