“Wir haben uns für die Familie geopfert.”

Tag 7, 03. Juni Projektreise mit caritas international nach Marokko

Am Freitag treffen wir Jackson, selbst Migrant aus Kamerun, in der alten Königsstadt Meknes, ca. 1,5 bis 2 Autostunden von Rabat entfernt, landeinwärts gelegen.
Mit seiner Unterstützung als Ehrenamtlicher baut die Caritas Rabat ein Projekt für neuankommende Migranten auf und versucht ein Netzwerk mit anderen Initiativen und staatlichen Stellen zu knüpfen. Die Arbeit soll nach drei Jahren auch ohne Caritas-Unterstützung weiterlaufen können.
Bevor wir auf das Projekt zu sprechen kommen, erzählt Jackson seine Geschichte, die uns fast den Atem raubt. Das, was wir aus den Medien kennen, rückt auf einmal ganz nah und berührt uns tief.

Der jetzt 28-jährige hatte sich vor drei Jahren entschlossen, Kamerun und seine Familie zu verlassen. Dort gab es keine Arbeitsmöglichkeiten für ihn, keine Chance, seine Familie zu ernähren, sein drittes Kind war gerade geboren. Seine Familie habe keine Beziehungen zur Regierung und in dem korrupten Staat daher keine Perspektiven.
Über den Weg durch Algerien erreichte er nach Monaten schließlich Marokko. “Ich wollte nach Europa, um ein besseres Leben zu haben und Geld nach Hause zu schicken. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich versucht habe, die Hochsicherheitszäune im Norden an den Grenzen zu den spanischen Enklaven zu überwinden.” Immer wieder scheiterte er und zog sich Verletzungen zu, er zeigt uns seine Narben an den Händen. Die Migranten werden oft mit Steinen beworfen, wenn sie die 7m-hohen Zäune hochklettern und ziehen sich schwere Brüche beim Herunterfallen zu. Haben sie es geschafft, kommt es vor, dass sie direkt von den Spaniern wieder abgeschoben werden, obwohl das ein Verstoß gegen europäisches Recht ist. Jackson musste selbst diese Erfahrung machen.
“Für Menschen, die nichts haben und deren Leid so groß ist, reicht kein Stacheldrahtzaun, um sie vom Plan, Europa zu erreichen, abzuhalten.”
Viele Migranten leben in Wäldern im Norden nahe der Grenzzäune unter elenden Bedingungen und versuchen es immer wieder. So ging es auch Jackson. Nahrungsmittel suchen sie in den Mülltonnen der Reichen.
Nach 1,5 Jahren entschied er sich, so nicht mehr weiter zu machen und das Leben in Marokko zu akzeptieren und sich zu integrieren. Schwer verletzt nach seinem letzten Versuch nahm ihn die katholische Kirche in Meknes auf. “Hier hatte ich das Gefühl der Sicherheit. Ich bin Mitglied der Kirche und glaube an Gott, also stelle ich meine Dienste der Kirche zur Verfügung und habe angefangen, die Schwerkranken aus den Wäldern hierher zu holen.”
Zu einer Konferenz der Caritas Rabat, bei der es um die Bedürfnisse der Migranten ging, wurde Jackson eingeladen. “Dort waren nur Menschen, die sich im Studium mit Migranten beschäftigt hatten. Ihre Ideen waren gut, aber nicht gut genug für das, was Migranten brauchen. Diözesancaritasdirektor Edouard Danjoy und Chloe, die Leiter des Migrationszentrums hörten mir aufmerksam zu.” Edouard ist dann nach Meknes gekommen und hat sich die Arbeit in der Kirche mit Migranten angesehen.
“Weil ich dieselben Erfahrungen habe, fassen die Migranten zu mir Vertrauen. Sonst ist es nur Phantasie, was sie erzählen.” sagt Jackson.
Die Caritas Rabat baut jetzt in Meknes ein Migrations-Zentrum auf, das Jackson ehrenamtlich leitet. Er lebt im Pfarrhaus, von der Caritas erhält eine Aufwandsentschädigung, von der er, obwohl es wenig ist, die Hälfte spart und seiner Familie nach Hause schickt. Gerne würde er auch in Zukunft irgendwann wieder nach Kamerun zurückkehren, aber sein Vater sagt ihm am Telefon: “Wir brauchen Dich da, wo Du bist. Wir sind auf Deine Hilfe angewiesen.” Wie Jackson opfern sich viele der Migranten für ihre Familien in der Heimat.
Der Aufbau des Migrationszentrums seit Anfang des Jahres war nicht leicht. Kontakte zu Initiativen der marokkanischen Zivilgesellschaft sollen noch geknüpft werden, der Kontakt zum Gesundheitszentrum ist inzwischen sehr gut. Und die Menschen mussten erst einmal Vertrauen fassen, bevor sie zur Beratung kamen.
Aufgaben des Zentrums sind Beratung der Migranten, Nothilfe für Neuankömmlinge, Begleitung zu Gesundheitszentren und Suche nach Wohnraum. Die finanziellen Möglichkeiten für die Hilfe sind beschränkt, daher kann nur denen geholfen werden, die es am Nötigsten brauchen. “Die familiäre Atmosphäre hier hilft den Menschen. Viele haben nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch seelische, sind schwer traumatisiert. Wir brauchen auch noch weitere Menschen, die helfen, Migranten ins Krankenhaus begleiten, Medikamente besorgen.”
Inzwischen kommen auch die ersten syrischen Flüchtlingsfamilien, ein marokkanischer Mitarbeiter unterstützt ehrenamtlich und hilft bei den Übersetzungen aus dem Arabischen.
Jackson kümmert sich besonders auch um die unbegleiteten Minderjährigen. Es gibt inzwischen eine Fußballmannschaft von Migranten und Schülern einer katholischen Schule. Die meist wohlhabenden Eltern der Schüler spenden regelmäßig Lebensmittelpakete.
Jackson hat eine positive Einstellung dem Leben in Marokko gegenüber eingenommen und hofft, dass er damit auch andere Migranten motivieren kann, sich in Marokko eine Perspektive aufzubauen und sich anzupassen.

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Jackson, 2.v.l., selbst Migrant, leitet das neue Migrations-Zentrum in Meknes.

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Mit wenigen Mitteln wurde ein Beratungszimmer eingerichtet, in dem sich die Migranten wohlfühlen können.

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

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