Vorbilder in widersprüchlichen Zeiten

Wir leben in widersprüchlichen Zeiten. Einerseits verfolgen wir auf den Bildschirmen gebannt die Spiele der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich und sehen und bejubeln Teams, die als Nationalmannschaften von Einwanderern erfolgreich sind. Andererseits wissen wir, dass in vielen der Teilnehmerländer, auch bei uns, fremdenfeindliche Parteien an Einfluss gewinnen oder sogar an der Macht sind.

Die Mehrheit der Wähler in Großbritannien hat sich für den Austritt aus der EU entschieden, nicht zuletzt aufgrund einer massiven Angst-Kampagne zum Thema Immigration. Die aufgeheizte Stimmung forderte mit dem abscheulichen Mord an der ebenso EU- wie Einwanderungs- und Flüchtlingsfreundlichen Labour-Politikerin Jo Cox sogar ein völlig sinnloses Todesopfer.

Ihr Einsatz für eine offene EU und das Schicksal der Flüchtlinge verbindet sie mit Rupert Neudeck, dessen Tod wir in diesem Monat betrauern und der sich weltweit und über viele Jahrzehnte für die Rettung und Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt hat. Über die Wurzeln seines Engagements sagte er einmal: “Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter reicht aus. Diese Geschichte tritt mir immer wieder in den Bauch: Du bist zuständig für die Not anderer Menschen. Jetzt sofort.”

Mit der von ihm initiierten Rettung der vietnamesischen Boat-People setzte unsere Gesellschaft zum ersten Mal ein humanitäres Zeichen für die Aufnahme von Flüchtlingen, die nicht zu den Vertriebenen des 2. Weltkrieges gehörten oder nach der Niederschlagung der Volksaufstände in den Ländern des Warschauer Paktes politisches Asyl fanden. Die zivilgesellschaftliche Willkommenskultur heute ist wesentlich von seinem Beispiel inspiriert und ohne sein Vorbild kaum vorstellbar.

Unserem von zunehmenden Widersprüchen, einem schwindendem demokratischen Konsens und anwachsender politischer Gewalt geprägten Europa gehen scheinbar die zivilgesellschaftlichen Maßstäbe verloren. Mehr denn je bedarf es Persönlichkeiten wie Jo Cox  und Rupert Neudeck, die uns durch ihren selbstverständlichen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte diese Maßstäbe in Erinnerung rufen und auffordern, für sie einzutreten.

Ein Gastbeitrag von Clemens Zahn, Stab Caritaspastoral, Koordinator für Flüchtlingsarbeit im Ka Stadtdekanat Köln im Rahmen der Aktion Neue Nachbarn

Über den Autor

“Gast” ist das Profil unserer Gast-Autorinnen und Gast-Autoren, die für taufrische Geschichten von vor Ort sorgen. Denn egal ob von vorbildlichen Jugendprojekten oder schwierigen Teenagern, von Missständen in der Pflege oder rührenden Begegnungen im Altenheim, von Flüchtlings-Diskriminierung oder einer Willkommenskultur: Die Caritas-Mitarbeitenden in den verschiedenen Zentren, Einrichtungen und Projekten erleben die Spanne zwischen Freud und Leid täglich hautnah. Aus diesem Grund berichten in unserem Blog immer wieder Mitarbeitende der vielfältigen Caritas-Geschäftsfelder unter dem Profil “Gast”.

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