Quo vadis Tafel?

Nils Freund, der Autor des Beitrags, ist Mitarbeiter im Stab Caritaspastoral und zuständig für das Thema “existenzunterstützende Angebote”

Die etwa 900 Tafeln in der Bundesrepublik versorgen in etwa 1,5 Millionen Menschen, dies tun sie mit Hilfe von ca. 60.000 ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern .
Durch den starken Anstieg der Flüchtlingszahlen in den letzten 2 Jahren geraten vor allem die Lebensmittelausgaben immer stärker unter Druck. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen, die im Alter von Armut bedroht sind, den Weg zu den Ausgabestellen suchen. Vor allem steigende Mieten „fressen“ die oftmals kleinen Renten älterer Menschen auf.
Was aber bedeutet diese Entwicklung für die Tafeln? Um dies zu verstehen muss man sich die Entwicklung der Tafelbewegung insgesamt vor Augen führen. Aus einem Wunsch, einem Überfluss an Lebensmitteln zu begegnen und diesen allen Menschen zugänglich zu machen, entwickelten sich viele Tafeln zu institutionalisierten Lückenbüßern. Gab es früher nur so lange etwas zu verteilen, bis die vorhandenen gespendeten Ressourcen erschöpft waren, wird heute an vielen Orten hinzugekauft. Eine gesteigerte Nachfrage führte, obwohl nicht mehr erforderlich, zur vermehrten Einführung von Bedürftigkeitsnachweisen und Nachweispflichten bzgl. des Wohnortes. Hinzu kommen in jüngster Zeit die Herausforderungen, welche geflüchtete Menschen im Kontext Tafeln mitbringen.
Sprachbarrieren erschweren die Kommunikation, die Besucherzahlen steigen stark an, ein Konkurrenzdruck bei Beziehern von Tafelleistungen führt oftmals zu Konflikten zwischen „neuen“ und „alten“ Besuchern und in vielen Tafeln ist ein höherer Personalaufwand zu verzeichnen. Jetzt in geflüchteten Menschen eine Verantwortung für diese Schwierigkeiten zu suchen, wäre allerdings falsch und zu eindimensional.
Dies wirft die Frage auf, welche Funktion Tafeln in unserem Sozialstaat haben. Wenn Sozialleistungskürzungen und viel zu niedrig angesetzte Leistungen im Asylbewerberleistungsgesetz mancherorts einhergehen mit dem Hinweis, man könne ja die örtliche Lebensmittelausgabe aufsuchen, dann läuft etwas falsch im staatlichen Versorgungssystem. Die vielen Tausend Ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, haben unseren Respekt für Ihr Engagement verdient und dürfen nicht als Erfüllungsgehilfen für staatliche Unzulänglichkeiten und ehrenamtliche Mitarbeiter der Entsorgungsindustrie missbraucht werden. Hinzu kommt, dass der Anstieg der Besucherzahlen bei den Ausgabestellen zu einer ständigen Überlastung der freiwillig Engagierten führt. Neben der eigentlichen Ausgabe von Lebensmitteln hat sich das Aufgabenspektrum in den letzten Jahren sehr stark ausgeweitet. Die gesamte Logistik einer Ausgabestelle wird vom Ehrenamt übernommen, des Weiteren tragen die Besucher der Ausgabestellen häufig auch andere Probleme an die Freiwilligen heran und erwarten Beratung. Dies alles will bewerkstelligt werden.
Welchen Weg werden die Tafeln in Zukunft gehen? Ich denke wir brauchen Utopien. Vorschläge für die Entwicklung eines Systems in dem Lebensmittelausgaben ihren institutionalisierten Charakter verlieren, sich überflüssig machen und die Würde und individuellen Bedarfe der Nutzerinnen und Nutzer im Fokus der Betrachtung stehen. Nutzer müssen wieder zu Handelnden werden. Dies gelingt jedoch nicht im Alleingang. Hier müssen Tafeln und deren Kritiker, Ehrenamt und Hauptamt, freie Träger und Kommune gemeinsam im Dialog Vorschläge und Handlungsansätze entwickeln. Denn bei allen Unterschieden in Detailfragen muss es im Kern darum gehen, den Menschen in Not respekt- und würdevoll einen Weg aus der Not zu zeigen und sie, falls nötig, ein Stück weit zu begleiten.

Über den Autor

Was ich mag:

Die Stadt entdecken in ihren Vierteln, Straßen, Plätzen. Dort, wo die Menschen leben. Mir die Veedel von ihnen zeigen lassen. Sich einander die Stadt erzählen. Ungesehenes entdecken. Räume wahrnehmen und weiten. Auch für die Caritas.
Manchmal wird was fühlbar. Wenn in St. Agnes die Sängerinnen und Sänger aus dem Viertel, aus den Gemeinden, aus verschiedenen kulturellen Gegenden dieser Welt das Finale von "Joy to the World" bestreiten. Das ist ein Erfolg: Gemeinde, Caritas, soziale Einrichtungen miteinander ins Gespräch bringen und ins gemeinsame Handeln.

Was ich nicht mag

Parallelwelten. Die Tafel als Billigentsorger der Nahrungsmittelwirtschaft. Tatkraft ohne Nachdenklichkeit und Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Besserwisserei gegenüber Benachteiligten. Wenn wir als Caritas die Not nur lindern, aber nicht verhindern können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.