Angst essen Seele auf

In einer Ausländerkneipe, in die sie vor dem Regen geflohen ist, lernt die etwa sechzigjährige Witwe Emmi Kurowski (Brigitte Mira), die als Putzfrau arbeitet, den mindestens zwanzig Jahre jüngeren Marokkaner Ali (El Hedi Ben Salem) kennen. Ali tanzt mit Emmi. Sie reden miteinander. Er begleitet sie nach Hause. Er zieht zu Emmi. Schließlich heiraten sie. Für die anderen ist diese Eheschließung ein Skandal: Emmis erwachsene Kinder schämen sich ihrer Mutter. Die Nachbarn tuscheln. Der Kolonialwarenhändler weist Emmi aus dem Laden. Emmis Arbeitskollegen verachten sie. Als Emmi Angst vor der unerwarteten Entwicklung verspürt, versucht Ali sie zu beruhigen: „Nix weinen. Nix Angst. Angst essen Seele auf!“.

Dieser letzte Filmtitel gebende Satz aus dem Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974 ist ein Zitat, das vielen von uns geläufig ist. Es gibt in wunderbarer und erschreckender Weise die Stimmungslage in unserer Bevölkerung, zumindest bei einem Teil wieder. Was ich nicht kenne, macht mir Angst. Furcht und Angst zu haben, ist nichts Schlimmes. Es ist menschlich. Es betrifft oft individuelle Bereiche: Angst vor Krankheit eines Angehörigen, Furcht vor materieller Armut oder Sorge um den Arbeitsplatz. Angst und Furcht haben, darf man. Wir dürfen sie aber nicht die Überhand gewinnen lassen. Ein Geist der Furcht und Angst ist das, was wir fürchten sollten. Schlimm ist ein Klima, das Angst zulässt, in dem andere bewusst für ihre Zwecke allgemeine Ängste schüren.

Für viele Menschen sind die Veränderungen in unserer Gesellschaft mit Angst und Furcht verbunden. Vielleicht hat der eine tatsächlich aus einer konkreten Situation heraus Grund dafür. Oftmals sind diese Ängste Befürchtungen ob des Eintretens einer wie auch immer gearteten potenziellen Gefahr: grundlos, haltlos, geschürt, nicht greifbar, nicht wirklich festzumachen – eben diffus.

Statt sich allgemeinen Ängsten hinzugeben und dem Mainstream nachzulaufen, könnte ich aber auch versuchen, mich meinen Ängsten und Befürchtungen zu stellen, mich mit ihnen auseinandersetzen in einem positiven Sinn, mich besinnen. Besinnen heißt, „Nein“ zu sagen zum Mainstream, aber auch zu mir selbst und stattdessen ein Selbstbewusstsein zu entwickeln und dieses auch an den Tag zu legen.

Wenn ich an die gesellschaftlichen Veränderungen denke, machen mir die Menschen, die zu uns kommen, keine Angst. Mir machen mehr Ignoranz und Intoleranz, Anfeindungen und politisch-polemische Oberflächlichkeit, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben, Angst.
Warum können wir nicht mit Selbstbewusstsein, Besonnenheit und Gelassenheit sehen, dass wir aufgrund der Ausrichtung unseres Grundgesetzes und der wirtschaftlichen Situation, in der sich unser Land Gott sei Dank befindet, in der Lage sind zu helfen und darauf, helfen zu können, nicht stolz sein? Vor allem mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen in Land und Bund dürfen wir nicht zulassen, dass die Angst die Seele isst und wir uns von Angst und Furcht dominieren lassen. Schätzen wir uns doch stattdessen glücklich, dass wir helfen können. Und das ist ein viel befreiendes Gefühl als in Furcht und Angst zu leben.

Über den Autor

Dorothee Bodewein leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung; ob es um Arbeitslosigkeit, Integration von Neuzuwandernden und Einwanderern, Überwindung von Armut und Verschuldungssituationen, sozialraumorientierte soziale Arbeit, die Kooperation mit Migrantenorganisationen, Antidiskriminierungsarbeit, interkulturelle Öffnung oder die Förderung bürgerschaftlichen Engagements geht, immer geht es darum, Menschen Perspektiven zu geben und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Das begeistert mich...
... dass es Menschen gibt, die sich haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen, ihre Zeit schenken sowie ihr Wissen und Können einbringen, um ältere, alleinstehende, einsame, kranke oder fremde Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten, in ausweglosen Situationen Zuversicht, Perspektive und Anstoß zu geben.

Das ärgert mich ...
... wenn Menschen ausgegrenzt und in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Behinderung, Gesundheit und Leistungskraft, Erfolg oder Misserfolg; ja, wenn Menschen ihr Recht auf Würde, freie Entfaltung, Chancengleichheit oder einfach anders zu sein, abgesprochen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.