Projektreise Caritas Libanon – Tag 3 – Mittwoch, 10. Mai 2017

Eine Woche ist es her, dass die Projektreise mit Caritas international in den Libanon hinter mir liegt. Eine Woche, die neben dem Alltäglichen auch die Gelegenheit bot, das Gesehene und Erlebte sacken zu lassen. War der Austausch mit den Kolleg(inn)en der libanesichen Caritas schon spannend und eine lehrreiche Erfahrung, war die Reise ins „Feld“, in die konkreten Angebote und Projekte der libanesischen Caritas für syrische und palästinensische Flüchtlinge, Arbeitsmigrant(inn)en und libanesische Familien noch einmal umso beeindruckender.

Unser dritter Tag startet mit dem Besuch einer Abschiebehaftanstalt für illegale Migrant(inn)en sowie Flüchtlinge ohne Papiere in Beirut. Der Termin findet im neuen Gebäude statt, das im August 2016 in Betrieb genommen wurde. Auf dem Weg kommen wir am alten Gebäude vorbei. Viel ist nicht zu sehen. Der Eingang zur alten Abschiebehaft liegt direkt unter einer Hochstraße. 13 Gefängniszellen á 50 Personen, Käfige, schildern uns die Mitarbeiter(inn)en der libanesischen Caritas, die die Gefangenen auch im neuen Gebäude betreuen. Fensterlos, ohne Tageslicht, beengt, gerade einmal so viel Platz, wie die Matratze zum Schlafen hergab. Kein Vergleich zum neuen Gebäude; ein Vorzeigeobjekt mit den besten Standards; kein anderes Gefängnis im Libanon kann mithalten. Sofern ein solcher Ort etwas Positives ausstrahlen kann, baulich großzügig und sauber. Das Besondere: Die Menschenrechte werden nach Bangkok-Konvention gewährt. Dass dem so ist, ist der Caritas zu verdanken, die bei der Konzeptionierung mitreden und beim Bau durch den libanesischen Staat die für libanesische Gefängnisse vergleichsweisen hohen Standards durchsetzen konnte und auch die Ausstattung der Gefängniszellen übernahm.

Die Abschiebehaft ist die einzige U-Haft für Migrant(inn)en ohne legale Papiere im Libanon und die Caritas die einzige NGO, die in der Abschiebehaft tätig ist. Es gibt eine Sektion für Männer und eine für Frauen mit 200 Männern und 300 Frauen. Bei unserem Besuch werden wir von der Polizei empfangen und nach einem Sicherheitscheck in den Frauentrakt begleitet. Dort werden wir aufgefordert, unsere mobilen Telefone abzugeben, die im Büro der Caritas-Mitarbeiter(inn)en sicher verschlossen werden. Dass die Caritas unsere Telefone verwahrt, bringt zum Ausdruck, welches Vertrauen die Caritas genießt.

Im Frauentrakt befinden sich 15 Zellen mit max. 24 Personen. Die Frauen sind in Hochbetten untergebracht und teilen sich zwei Duschen und zwei Toiletten. Sie stammen überwiegend aus Äthiopien, Pakistan, Philippinen und Nigeria. Je nach Fall liegt die Verweildauer zwischen 48 Stunden und einem Monat. Minderjährige bleiben max. zwei Tage. Danach kommen sie ebenso wie Mütter mit ihren Kindern in Schutzhäuser der Caritas. Pass und Flugticket sind die Fahrkarte raus aus dem Gefängnis. Sofern es sich nicht um Syrer(innen) handelt, findet die Abschiebung in das Heimatland statt. Aufgrund der Syrienkrise werden diese nicht abgeschoben, sondern mit der Aufforderung entlassen, den Libanon zu verlassen, was de facto nicht passiert.

Die Caritas ist 24 Stunden sieben Tage vor Ort mit sieben Sozialarbeiterinnen und fünf Krankenschwestern. Alles geschieht in enger Abstimmung und guter Zusammenarbeit mit dem Sicherheitspersonal. Das Sicherheitspersonal ist im Vollzug ausnahmslos männlich. Frauen gibt es auch. Diese sind jedoch ausnahmslos in der Verwaltung eingesetzt. Die Insassinnen können jeden Dienstag und Donnerstag Besuch bekommen. Da die meisten Frauen allein zur Arbeitsaufnahme in den Libanon gereist sind, sind sie ohne Familienangehörige. Neben der medizinischen, psychosozialen und rechtlichen Betreuung bietet die Caritas soziale Aktivitäten, wie eine Bücherei, kreative Angebote, wie Handarbeit sowie Aufklärungskurse. Die gesamte Essens- und Wäscheversorgung für die Insassinnen liegt ebenfalls in den Händen der Caritas. Die Insassinnen helfen ehrenamtlich mit; eine willkommene Abwechslung im ansonsten tristen Gefängnisalltag. Unterstützt werden die Mitarbeitenden der Caritas von zwei Freiwilligengruppen, die von außerhalb kommen und versuchen die Freizeit für die Frauen zu gestalten. Während unseres Aufenthalts ist eine deutsche Ehrenamtliche da, die in Beirut lebt. Sie kommt einmal die Woche, um mit den Insassinnen zu singen und Gitarre zu spielen. Als wir an den vergitterten Zellenzugängen vorbeigehen, sprechen uns die Frauen an. Sie wollen wissen, woher wir kommen. Nicht selten rufen sie uns zu, wie gerne sie mit uns gehen würden.

Weiterfahrt von der Abschiebehaft in ein christliches Viertel Beiruts

Während wir im Gespräch mit den Caritas-Mitarbeitenden sind, kommt eine junge Frau dazu. Sie ist zu Besuch, war vor Jahren eine Insassin, damals noch im alten Gebäude. Sie kam 2003 aus Somalia illegal in den Libanon ohne Arbeitsvertrag und Papiere über Syrien, allein, weil sie im Krieg von ihrer Familie getrennt wurde. Sie war damals 17 Jahre alt und wollte nach Europa. Was ihr zugestoßen ist, darüber möchte sie im Detail nicht sprechen. Sie sagt uns nur so viel: Sie war, als sie erstmals vom Sicherheitspersonal aufgegriffen wurde, ohne es zu wissen schwanger und kam für sieben Monate in die Abschiebehaft, wo die Caritas sich um sie kümmerte. Von ihrer Schwangerschaft erfuhr sie erst, als sie von einem Soldaten in der Abschiebehaft zu Boden gestoßen wurde und sich im Krankenhaus einer Untersuchung unterziehen musste. Heute ist sie mit einem Libanesen verheiratet und hat drei Kinder. Sie und ihr Mann haben keine Arbeit. Die Familie wird von ihrer Schwester, die in London lebt, unterstützt. Dass Familienangehörige von ihr noch leben, hat sie über Facebook erfahren. Hier fand sie von ihrer Familie zumindest ihre Schwester wieder.

Über Mittag sind wir in einem armen christlichen Viertel Beiruts. Hier unterhält die Caritas eine Suppenküche, in der täglich etwa 100 Flüchtlingsfamilien und 50 libanesische Familien ein warmes Mittagessen bekommen. 200 bis 250 Essen werden täglich frisch in der Küche zubereitet. Die Suppenküche bietet neben dem Mittagstisch auch eine mobile Versorgung für Menschen mit Behinderung an, die nicht in die Suppenküche kommen können. Auch andere Zentren der Caritas in Beirut werden von der Suppenküche mit Essen beliefert. Unsere Gruppe ist zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Als wir kommen, wird gerade das Tischgebet gesprochen. In dem über der Küche liegenden engen Raum sind jeder Tisch und jeder Stuhl besetzt. Unter ihnen sind überwiegend ältere Menschen und viele Kinder. Die Caritas Libanon vermittelt darüber hinaus auch soziale Hilfen. Vier Mitarbeiter(innen) und Ehrenamtliche kümmern sich um alles. Finanziert wird das Angebot durch die Caritas Libanon. Die Lebensmittel erhält die Caritas von Tafeln. Obst und Gemüse bekommt die Caritas auch als Spende über ein sogenanntes Food-Sharing einer Bank. Die Gäste der Suppenküche erhalten das Essen kostenlos. Sie müssen keinen Obolus zahlen. Viele von ihnen bieten jedoch im Gegenzug ehrenamtlich ihre Unterstützung bei der Zubereitung und den anfallenden Tischdiensten an zu helfen.

Unser nächster Halt bringt uns an diesem Tag in Beirut in das armenische Viertel Geitawi. In einem Hinterhof in vier engen und kleinen Räumen entsteht etwas ganz Köstliches und für den Libanon Typisches. Wir befinden uns Selbsthilfeinitiative von und für etwa zehn Frauen, die durch das Backen und den Verkauf von Kuchen sowie herzhaften und süßen Plätzchen ein kleines Einkommen erwirtschaften. Uns empfangen die Mit-Gründerin und der Verkaufsleiter. Sofort ziehen Tabletts die Runde mit den Köstlichkeiten zum Probieren. Ob Dattel- oder Basilikumfüllung alles schmeckt. In Handarbeit wird an zwei Tischen von insgesamt vier Frauen das schier unendliche Angebot an verschiedenen Backwaren hergestellt. Eine bedient den Backofen, während an einem dritten Tisch eine Frau handverlesen die jeweiligen Sorten verpackt und genau abmisst. Eine weitere Frau ist für die Etikettierung verantwortlich. Die Frauen, die hier arbeiten, sind Witwen oder alleinstehend ohne oder mit einem geringen Einkommen. Die kleine Manufaktur besteht aus acht festangestellten und acht ehrenamtlichen Mitarbeitenden. 15 Prozent des Gewinns aus den Verkäufen gehen an die Caritas Libanon als Schutzgebühr für die Nutzung des Caritas Logos. Die Süßigkeiten werden auf Kommission an Supermärkte geliefert. Alles was nicht innerhalb von drei Monaten verkauft wird, wird wieder abgeholt.

Die letzte Station führt uns an diesem Tag zum „nach der Schule“ Kinder- und Jugendprojekt Dekweneh mit verschiedenen Förder-Angeboten und Freizeitaktivitäten. Die Angebote der libanesischen Caritas finden in einer öffentlichen Schule statt. Die Gänge sind eng und die Klassenräume klein. Die Sitzbänke und Tische sind teils lose aufeinandergelegte Bretter. Die Toiletten sind dunkel und ohne Licht; ein wahres Abenteuer nach westeuropäischem Standard. Bildung hat für libanesische Eltern einen hohen Stellenwert. Wenn irgendwie finanziell möglich, werden Kinder auf private Schulen geschickt. Die Kinder in der Nachmittagsschulbetreuung arbeiten mit arabisch-, englisch- und französischsprachigen Schulbüchern. Für jede Sprache und Altersstufe gibt es eine eigene Klasse und einen Lehrer, der die gesamten Fächer in der jeweiligen Sprache unterrichtet.

Über den Autor

Dorothee Bodewein leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung; ob es um Arbeitslosigkeit, Integration von Neuzuwandernden und Einwanderern, Überwindung von Armut und Verschuldungssituationen, sozialraumorientierte soziale Arbeit, die Kooperation mit Migrantenorganisationen, Antidiskriminierungsarbeit, interkulturelle Öffnung oder die Förderung bürgerschaftlichen Engagements geht, immer geht es darum, Menschen Perspektiven zu geben und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Das begeistert mich...
... dass es Menschen gibt, die sich haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen, ihre Zeit schenken sowie ihr Wissen und Können einbringen, um ältere, alleinstehende, einsame, kranke oder fremde Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten, in ausweglosen Situationen Zuversicht, Perspektive und Anstoß zu geben.

Das ärgert mich ...
... wenn Menschen ausgegrenzt und in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Behinderung, Gesundheit und Leistungskraft, Erfolg oder Misserfolg; ja, wenn Menschen ihr Recht auf Würde, freie Entfaltung, Chancengleichheit oder einfach anders zu sein, abgesprochen wird.

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