Projektreise Caritas Libanon – Tag 4 – Donnerstag, 11. Mai 2017

Schon früh geht es heute raus aus Beirut mit dem Bus nach Zahleh in die Bekaa-Ebene, in die Mitte des Landes und Richtung syrische Grenze. Unser Weg führt uns über einen 2.700 Meter hohen Pass. In der Ferne sehen wir Schnee. Unsere Dolmetscherin Djumana erzählt, dass die Libanesen vormittags Skifahren und eine halbe Stunde später am Strand liegen und im Mittelmeer schwimmen gehen können. Ein verrücktes Land, das so viele Gegensätze vereint und dennoch homogen wirkt.

Unser erster Halt ist eine Schule der libanesischen Caritas für Kinder mit Hörschädigung, geistiger sowie Lernbehinderung. Zahleh ist eine überwiegend christlich geprägte Stadt. Über den Straßen befinden sich Ketten mit Kreuzen als Hinweis auf Ostern. Die Schule der Caritas gibt es seit zwölf Jahren. Ursprünglich gestartet mit drei Klassen á 16 Schüler(inne)n hat die Schule heute 176 Schüler(innen). Es gibt mehr Anmeldungen als Aufnahmekapazitäten. Über die Aufnahme an der Schule entscheiden drei IQ-Tests. Bei einem Test geht es um das Hörvermögen, beim zweiten um die geistigen Fähigkeiten und beim dritten um die Einschätzung des Vorliegens einer möglichen Lernbehinderung. Anhand der Testergebnisse erfolgt die Zuweisung in eine Klasse. IQ-Tests sind sehr teuer im Libanon, deshalb kommen viele Eltern, um ihre Kinder an der Caritas-Schule testen zu lassen und nach Möglichkeit anzumelden.

Die Schüler(innen) werden neben den Lehrer(inne)n von Bewegungs- und Sprachtherapeut(inn)en begleitet. Die Lehrer(innen) verfügen über spezialisierte Qualifizierungen. Die Kinder lernen nicht akademisch, sondern in lebenspraktischen Zusammenhängen. Wer schulisch nicht weiterkommt, erhält eine handwerkliche Ausbildung als Kosmetiker(in), Bäcker(in) oder Frisör(in). Theorie und Vorbereitung auf die Praxis finden zwei Jahre in der Schule statt. Die Lehrer(innen) suchen Stellen für die Schüler(innen) und begleiten diese auch während ihrer praktischen Ausbildung. Monatliche Überprüfungen des Wissens geben Hinweise zur Anpassung der individuellen Förderung. Die Schule hat sich bewusst dafür entschieden, den hörgeschädigten Kindern das Lippenlesen statt der Gebärdensprache beizubringen. Zum einen, so die Schulleiterin, weil es keine einheitliche Gebärdensprache, selbst international nicht gibt, und zum anderen das unmittelbare Lebens- und Familienumfeld der Kinder selten die Gebärden kennt und sie sich so jederzeit in der Gesellschaft zurechtfinden können. Der Unterricht findet mittels der staatlichen Lehrbücher statt. Das ist keine Nebensächlichkeit, denn ansonsten wäre kein staatlich anerkannter Schulabschluss möglich. Soweit möglich, wechseln lernbehinderte Kinder mitunter auf reguläre Schulen und werden hier durch Sozialarbeiter(innen und Lehrer(innen) weiter betreut. 

Nach der Schule geht es weiter zum Caritas-Gemeindezentrum. Das Zentrum wurde im Februar 2017 eröffnet. Möglich gemacht hat dies Caritas international. Das Angebot in der Region bezog sich bis dahin eher auf medizinische Maßnahmen. Das Zentrum besteht aus zwei miteinander verbundenen Ladenzeilen. Die Räumlichkeiten liegen in zentraler Erreichbarkeit für die syrischen Flüchtlingen. Auf der anderen Seite des parallel verlaufenden Highways befindet sich ein großes Lager. In der gesamten Bekaa-Ebene leben etwa zwei Dritte aller geflüchteten Menschen. Zahleh selbst liegt in der zentralen Bekaa-Ebene, zehn km Luftlinie von der syrischen Grenze entfernt. Das Zentrum hat somit eine strategische Bedeutung in der Versorgung der geflüchteten Menschen. Vor uns erstreckt sich das Gebirge des östlichen Mount Libanon. Da der libanesische Staat 2015 aus Sicherheits- und Kontrollgründen die Grenzen geschlossen und einen ungehinderten Grenzübergang fortan verhindert hat, kommen die Syrer(innen) illegal durch die Berge und über Schleuser ins Land.

Ein vom einem syrischen Flüchtlingskind gemaltes Bild im Caritas-Gemeindezentrum von Zahleh.

Als wir am Zentrum ankommen, findet ein Alphabetisierungskurs für syrische Frauen statt. Neben dem Schreiben und Lesen werden die Frauen in Life skills gestärkt sowie psychosozial und psychologisch unterstützt. Anders als in Deutschland sind etwa 80 Prozent der im Libanon lebenden syrischen Geflüchteten Frauen und Kinder. Teils wissen sie nicht, wo ihre Männer oder Söhne sind. Andere haben bereits die Sicherheit, dass sie in Großbritannien oder Deutschland angekommen sind. Andere wiederum wähnen ihre Männer und Söhne auf dem Transit nach Europa, vielleicht aber auch tot auf einer der unsicheren Passagen über das Mittelmeer. Die Frauen versichern uns, wieder zurück in ihre Heimat zu wollen. Sie bitten uns, auf ihre Männer und Söhne aufzupassen. Als wir gehen, kommt eine weitere Gruppe von syrischen Frauen, die von der Caritas in einem der umliegenden Lager mit dem Bus abgeholt worden sind. Auf ihrem Stundenplan steht ein Selbstverteidigungskurs. Sehr gefragt und beliebt, wie uns der Leiter des Caritas-Gemeindezentrums versichert. Das Zentrum bietet darüber hinaus weitere Trainings an, wie das Reparieren von Motorrädern, den Hauptverkehrsmitteln der Syrer(innen). Zudem gibt es in jedem Lager eine Person, die in Ersthilfe ausgebildet und mit Material ausgestattet ist. Ein weiterer Punkt ist die Aufklärung zur Sicherheit in den Lagern. Überall, so schildern die Caritas-Kollegen, verlaufen Stromkabel, die nicht immer sachgerecht befestigt und isoliert sind. Nicht selten verbrennen sich die Kinder. Als neustes Projekt ist die Aufklärung über Ernährungsfragen für (Klein-)Kinder gestartet, etwa wie Fleisch oder Proteine ersetzt werden können. Aufklärung erfolgt aber auch hinsichtlich der Vermittlung von Hilfen, welche NGO für was zuständig ist; wesentliche Basisinformationen, die zum Überleben wichtig sind. Das Caritas-Zentrum erreicht in der zentralen Bekaa-Ebene etwa 600 geflüchtete Menschen; 200 geflüchtete Menschen konnten bereits in der Ersthilfe ausgebildet werden.

Uns beschäftigt immer wieder die Frage, wie selbstverständlich und mit welcher menschlicher Wärme den syrischen Flüchtlingen geholfen wird und welche Rolle es für die libanesische Bevölkerung spielt, dass das eigene Land 15 Jahren mit Syrien im Krieg lang und einen genauso langen Zeit unter dessen Besatzung litt. Der Leiter des Zentrums weist darauf hin, dass die Caritas Libanon eine geistige Mission trotz der Vergangenheit mit Syrien hat. Sie sehen die Syrer(innen) als Menschen, die im Libanon Zuflucht/Asyl suchen. Für den Krieg mit dem Libanon war das syrische System verantwortlich. Er verhehlt nicht, dass aufgrund der Vergangenheit und erlittenen Verluste oftmals die ältere Bevölkerungsgruppe eher Schwierigkeiten damit hat.

Vom Caritas-Gemeindezentrum geht es zu einer informellen Zeltsiedlung am Rande von Zahleh. Wir fahren durch eine kleine industrielle Zone; mehr Manufaktur als produzierendes Großgewerbe. Inmitten von Feldern zeigt sich in der Ferne eine Ansammlung von Zeltplanen. Wir nähern uns langsam. Unser Besuch ist angekündigt und wird noch einmal telefonisch abgeklärt. Erst dann geht es weiter. In der Luft liegt der Geruch von Müll und ungeklärten Abwässern. Sofort sind wir von einer Schar neugieriger Kinder umgeben. Der „Polizist“ der Siedlung empfängt uns mit seinem „Onkel“. In welchem Verhältnis die beiden zueinander stehen und welche Funktion der „Onkel“ hat, der uns später durch die Zeltsiedlung führt, wird uns nicht ganz klar. Der „Polizist“ ist im Lager für die Sicherheit und Ordnung zuständig. Sein Zelt und Vorzelt sind das größte. Hier finden Hochzeitsversprechen und auch eine Form von Ehrerbietung statt. Die Ehrerbietung ist, wie wir später außerhalb des Protokolls von den libanesischen Kollegen erfahren, ein Schwur, der dem der IS-Soldaten nicht unähnlich ist. Wir wissen nicht, was davon zu halten und wie es einzuordnen ist. Unter dem Vorzelt des „Polizisten“ erfahren wir mehr zu Binnenstruktur des Lagers, den hier lebenden Menschen, wovon sie leben und wie die äußeren Rahmenbedingungen sind. Die informelle Zeltsiedlung befindet sich auf einem Areal von 24.000 qm, das der „Polizist“, selbst aus Syrien stammend und schon vor der Syrienkrise in der libanesischen Landarbeit beschäftigt, von einem sogenannten Landlord für 45.000 US-Dollar jährlich gepachtet hat. Zur Jahrespacht kommen monatlich noch einmal 2.000 US-Dollar für Elektrizität hinzu. Der „Polizist“ ist heute Landwirt und bearbeitet mit den Bewohner(inne)n der Zeltsiedlung das Land. Die Ernte dient zum Teil der Eigenversorgung, wird zum größten Teil auf dem Markt verkauft. Die einzelnen Familien müssen bis zu 200 US-Dollar für ihren Zeltplatz abgeben. Keiner arbeitet außerhalb des Lagers. Durch die Syrienkrise sind die landwirtschaftlichen Absatzmärkte für den Libanon enger geworden. Der Leiter des Caritas-Zentrums in Zahleh, der uns auf diesen Besuch begleitet, sagt nüchtern auf Englisch, damit nur wir es verstehen: „Erpressung ist ein Fakt!“

90 Familien leben in dieser Zeltsiedlung mit durchschnittlich 6 bis 7 Personen. 200 Menschen sind unter 18 Jahre. 2017 haben 33 Frauen Kinder bekommen. Es handelt sich um einen nomadischen Stamm aus Syrien. Aus allem, was möglich ist, werden Zelte gebaut. So schlägt uns ein buntes Bild an Werbe- und LKW-Planen entgegen; manches Mal findet sich auch das Logo der UNHCR unter ihnen. Die Unterlage der Zelte bilden gegossene Betonplateaus, um im kalten und regenreichen Winter ein Überschwemmen der Zelte zu verhindern. Für die Betonfundamente zeichnen die UN-Hilfsorganisationen verantwortlich, ebenso wie für die Entsorgung des Abwassers. Die Zeltsiedlung ist noch eine der besseren im Libanon. Sie verfügt über einen eigenen Brunnen. Das ist nicht Standard in allen Lagern. Dort wird die Essens- und Wasserversorgung über die internationalen Hilfskräfte organisiert. Dennoch gibt es auch in unserem Lager, umgeben von Feldern nicht genug zu essen und das Wasser aus dem eigenen Brunnen reicht nicht aus. Deshalb wurde um die Zeltsiedlung ein Zuggraben gebaut. Auf der einen Seite dient er zum Sammeln des Wassers zum täglichen Gebrauch. Auf der anderen Seite zur Entsorgung der Abfälle und Abwässer.

Ein Reiseteilnehmer mit dem “Onkel” in der Zeltsiedlung.

Bei unserem Gang durch die Zeltsiedlung werden wir von den Kindern begleitet. Gerade sind nur die 3-6 Jährigen da. Die 6-12 Jährigen gehen in zwei Schichten in die Schule außerhalb des Lagers. Es ist ruhig in der Zeltsiedlung. Viele Männer sind nicht da. Sie sind in syrischer Gefangenschaft oder verschwunden, wie wir erfahren. Die wenigen, die da sind, übertreten die syrische Grenze nicht aus Angst, beim Übertritt in die syrische Armee gezwungen zu werden. Die Caritas Libanon arbeitet eng mit UNICEF zusammen. Sie fährt die Kinder zur Schule und stattet sie mit allen notwendigen Materialien aus. Auf Nachfrage gibt der “Polizist” an, dass die Mehrheit der Kinder zur Schule geht. Wir erfahren, dass ein Wechsel zwischen verschiedenen Zeltsiedlungen seit 2015 aus Sicherheitsgründen und auf geheimdienstliche Bestimmungen hin nicht mehr ohne Weiteres möglich ist. Der Wechsel braucht jeweils die Erlaubnis des „Lagerpolizisten“ und die des Landlords sowie die Genehmigung der internen libanesischen Sicherheitskräfte. Zu den Aufgaben des „Polizisten“ gehört es, regelmäßig eine Statistik über die Anzahl der hier lebenden Menschen zu führen und diese den Sicherheitsbehörden zu melden, damit jederzeit eine Kontrolle gegeben ist, wer sich wo aufhält.

Über den Autor

Dorothee Bodewein leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung; ob es um Arbeitslosigkeit, Integration von Neuzuwandernden und Einwanderern, Überwindung von Armut und Verschuldungssituationen, sozialraumorientierte soziale Arbeit, die Kooperation mit Migrantenorganisationen, Antidiskriminierungsarbeit, interkulturelle Öffnung oder die Förderung bürgerschaftlichen Engagements geht, immer geht es darum, Menschen Perspektiven zu geben und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Das begeistert mich...
... dass es Menschen gibt, die sich haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen, ihre Zeit schenken sowie ihr Wissen und Können einbringen, um ältere, alleinstehende, einsame, kranke oder fremde Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten, in ausweglosen Situationen Zuversicht, Perspektive und Anstoß zu geben.

Das ärgert mich ...
... wenn Menschen ausgegrenzt und in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Behinderung, Gesundheit und Leistungskraft, Erfolg oder Misserfolg; ja, wenn Menschen ihr Recht auf Würde, freie Entfaltung, Chancengleichheit oder einfach anders zu sein, abgesprochen wird.

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