“Du siehst mich” – Von einem ganz besonderen ev. Kirchentag in Berlin

Von einem ganz besonderen evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg: 500 Jahre Reformation – ein markanter Jahrestag.

Du siehst mich…“ – Ein provokantes Motto in Zeiten, die geprägt sind von Instagram, Smartpohones , selfi´s , Online- und Printmedien, und last but not least dem Fernsehen….

Auch das kommt zur Sprache bei diesem Kirchentag : Bilder die verharmlosen, Bilder, die die Not virtuell in unser Leben bringen und zugleich politische Haltungen und Handlungen evozieren. Bilder, die Menschen emotionalisieren, Bilder, die mit Ängsten spielen – immer wieder auch  mit Blick auf  Einschaltquoten. Ist dieser Blick durch die Fotolinse gemeint ? Bestimmt nicht.

Am frühen Mittwochmorgen fahre ich mit knapp 50 mir nicht bekannten Personen einer evangelischen Gemeinde aus Hennef mit dem Bus  nach Berlin. Zu Gast sind wir in einer evangelischen Schule in Steglitz. Mit Matratze und Schlafsacke; aber mit liebevoller Versorgung der Eltern und Lehrer.

Nach dem Eröffnungsgottesdienst mit  70 000 Gästen lädt der Abend zu Begegnung bei Linsensuppe, Fallafel und Kartoffelsuppe, Couscous , Bratwurst , Currywust , Schmalzbroten, Gurken aus dem Spreewald, gegrilltem Gemüse  und Livemusik ein.

Morgens beim leckeren Frühstück drehen sich die Gespräche besonders um den Besuch von Barack Obama. Anna, die mit in der Schule übernachtet, hat sich den Wecker  besonders früh gestellt. „Ich möchte nicht zu weit hinten stehen, dann sehe ich nichts mehr“. Hier in Berlin gibt es an sensiblen Zonen und bei besonderen Veranstaltungen intensive Taschen und Einlasskontrollen. Mich lockt es nicht zu Obama. Der gemeinsame Auftritt mit Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor lässt doch zu sehr an den aktuellen Wahlkampf denken. Aber es gibt auch Stimmen beim Frühstückstisch, die anderer Meinung sind „beide Politiker vertreten christliche Werte in der Politik, das soll auf dem Kirchentag auch Platz finden können“.

Gewaltfrei gegen Krieg und Terror – Wie Religionen Frieden stiften

Ich gehe stattdessen zu einer interreligiösen Veranstaltung. Prof. Mouhanad Khorchide , Islamwissenschaftler , lehrt an der Universität  Münster und Ephraiim Kadala  Pastor und Friedenskoordinator aus Jos / Nigeria geben hierzu Statements; neben Dr. Ana Raffai Friedensaktivistin aus dem Kosovo ist auch Dr. Buhlmann auf dem Podium und stellen sich den Fragen der Moderatorin Ines Pohl

Khorchide`s Veröffentlichung „Islam ist Barmherzigkeit“ öffnet den Blick auf den Koran neu und anders als es üblicherweise in den Medien verbreitet.  In seiner Rede geht er auf die realen Gegensätze zwischen Friedenswille und Wunsch nach gewaltfreiem Leben der Menschen einerseits und ökonomischen Interessen  und Machtinteressen auf der anderen Seite, wie es uns auch in den islamischen Ländern begegnet ein. „…,aber welchen realen Sinn macht das, wenn während ich meine Rede vorbereite, Milliarden Rüstungsverträge ( Trump in Saudi – Arabien ) unterschrieben werden, mit der Absicht ein islamisches Land gegen ein anderes islamisches Land auszurüsten, als würde man damit die Kriegsglocken läuten hören.“ Er stellt dennoch die Frage: was kann der Islam für eine gewaltlose Weltgesellschaft leisten?

Prof. Khorchide bildet an der Hochschule Münster Religionslehrer für Islam-Unterricht an deutschen Schulen aus. Er lehrt einen Islam, dessen Gottesbild ein liebender, barmherziger Gott ist. „Der Islam muss sein Liebesethos sowohl in der Theologie als auch in der religiösen Praxis stärker betonen“. Seine Haltung und Lehre finden auch in anderen Ländern Anklang – unter anderem Ägypten –  und es erreichen ihn aus dem Ausland Anfragen, Imame in Deutschland auszubilden, damit sie dann anschließend mit dem Wissen und einem positiven Gottesbild wieder  in ihre Heimatländer zurückkehren. Sein Manuskript zum Weiterlesen hier.

Die  anschließende Rede von Ephraim Kadala  ( Protestant der EYN Chruch of Nigeria) fesselt  die Zuhörer. Er berichtet von den Morden und Übergriffen der Boko Haram und den zahlreichen Opfern und den zerstörten Kirchen: Auf der Höhe des Terrors in 2014 waren mehr als 10.000 Mitglieder der Gemeinden ermordet und 700.000 auf der Flucht.

Die so in vielen Familien entstandenen tiefgreifenden Wunden und Traumatisierungen sind auch jetzt noch groß. Um wieder einen Heilungsprozess zu ermöglichen entstand ein Patenprojekt „Angels“. Es ist ein Patensystem, in dem jeweils ein christlicher Jugendlicher einen muslimischen Jugendlichen (und vice versa) als Engel / Paten über einen festgelegten Zeitraum zugeordnet bekommt und so sich im Gegenseitigen Kennenlernen Respekt entwickelt und dieses in die jeweiligen Familien hineinwirkt. Das Manuskript finden Sie hier.

In der Podienreihe Flucht , Migration, Integration war eine Veranstaltung mit Innenminister Thomas de Maizière angeboten:

Was braucht ein gelingendes Zusammenleben?

Zum Podium gehören Maya Alkhechen, Geflüchtete aus Syrien, Hassan Ali Djan , Geflüchteter aus Afghanistan, Prof. El-Mafaalani und Innenminister Dr. Thomas De Maiziere.

Nach den bewegenden Fluchtgeschichten von Frau Alkhechen und Herr Djan bringt der Innenminister bei diesem Podiumsgespräch nichts Neues. Seine Statements  klingen wie Aussagen auf Wahlkampfveranstaltungen. Einen wirklichen Austausch oder eine Annäherung der inhaltlichen Positionen lässt sich für die Zuhörer nicht erkennen. Er spricht von „behutsamen“ Abschiebungen auch nach Afghanistan und hebt hervor, dass es in seinem Interesse ist, dass „junge Leute dort das Land nicht verlassen“.

Freitagabend eine ganz besondere Veranstaltung:

Hören und Schmecken  – ein Fest der Verschiedenheit. Juden , Christen  und Muslime feiern Mahl

Der Kirchentag wagt sich ganz weit nach vorn : ein gemeinsamer Gottesdienst von Juden, Christen und Muslimen ist ungewöhnlich und immer noch zu selten.

„Juden und Christen sind eingeladen, mit Musliminnen und Muslimen den Vorabend des Ramadan zu feiern.
Christen und Muslime sind eingeladen, mit einem jüdischen Kantor den Sabbat zu begrüßen.
Juden und Muslime sind eingeladen, das christliche Mahl mitzuerleben.

„Nicht alles werden wir teilen können: Jede Religion hat ihre Grenzen. Wir werden diese Grenzen ernst nehmen, respektieren und wertschätzen. Mehr noch: Wir werden sie – mit musikalischen Mitteln – gestalten und besingen. Und so – singend, hörend und schmeckend – unsere Unterschiedlichkeit feiern“ so die Ankündigung. Hier gibt es mehr Informationen.

Der Gesang des jüdischen Kantors in hebräischer Sprache, der Gesang des muslimischen Sängers in arabischer Sprache und das christliche Lied in deutscher Sprache. Alles erklingt ehrfürchtig nacheinander. Der jüdische Mensch singt die Shabbat Texte und bricht mit den Juden das Brot , der muslimische Mensch singt Suren und  Muslime beten Richtung Mekka ihre Gebete,  der christliche Mensch spricht über das Brot den Segen und Christen feiern Abendmahl mit Hostien und beten gemeinsam das Vater unser.

Ich frage mich, ob das auch auf einem Katholikentag auch möglich ist?

Den Samstag und für mich auch schließt ein wunderbares Konzert auf dem Gendarmenmakrt ab:

Solidaritätskonzert – Musik kennt keine Grenzen, mit den Berliner Symphonikern und Geflüchteten.

Zum Abschluss des Abend singen über 10.000 Teilnehmer auf dem Gendarmenmarkt mit der musikalischen Unterstützung der Berliner Philharmoniker die Ode an die Freude.

Diesmal bin ich nicht beim Abschlussgottesdienst am Sonntag wie in den Jahren zuvor. Mit meiner Hennefer Gruppe fahren wir bereits am Sonntagmorgen zurück ins Rheinland.

 

 

 

Du siehst mich

Das ist uns zugesagt… egal wo wir sind Köln,  Hennef oder Berlin

Aleppo , Kabul, Manchester und im Mittelmeer!

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

 

 

Ein Gastbeitrag von Martina Soesters, Leistungsbereichsleitung Wohnen für Flüchtlinge

Über den Autor

“Gast” ist das Profil unserer Gast-Autorinnen und Gast-Autoren, die für taufrische Geschichten von vor Ort sorgen. Denn egal ob von vorbildlichen Jugendprojekten oder schwierigen Teenagern, von Missständen in der Pflege oder rührenden Begegnungen im Altenheim, von Flüchtlings-Diskriminierung oder einer Willkommenskultur: Die Caritas-Mitarbeitenden in den verschiedenen Zentren, Einrichtungen und Projekten erleben die Spanne zwischen Freud und Leid täglich hautnah. Aus diesem Grund berichten in unserem Blog immer wieder Mitarbeitende der vielfältigen Caritas-Geschäftsfelder unter dem Profil “Gast”.

Ein Kommentar zu ““Du siehst mich” – Von einem ganz besonderen ev. Kirchentag in Berlin

  1. Soziale Gerechtigkeit

    Zweifellos war die mosaische Gesetzgebung der alten Israeliten schon insgesamt fortschrittlicher und führte zu mehr sozialer Gerechtigkeit als der Unsinn, der heute von der politischen Seifenoper für die “soziale Marktwirtschaft” gehalten wird:

    http://vergessene-buecher.de/band1/bd1-s207bis248.html#mos_grundsaetze

    Seit 3000 Jahren sind in der praktischen Nationalökonomie nicht nur keine Fortschritte, sondern nur Rückschritte zu verzeichnen!

    Soziale Gerechtigkeit ist nur auf der Basis der freien Marktwirtschaft möglich und keinesfalls auf der Basis einer sozialistischen Planwirtschaft wie im vorantiken Ägypten. Als der Erfinder der Marktwirtschaft hatte Moses den Hohepriestern seines Volkes ein Geheimwissen anvertraut, das sie befähigen würde, verantwortungsvoll und gewissenhaft im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln, und das sie bewahren sollten, bis der Messias erscheinen und ihnen erklären würde, wie die Marktwirtschaft vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus zu befreien ist:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/05/8-gleichungen-mit-8-unbekannten.html

    Im Nachhinein betrachtet war Jesus seiner Zeit um fast 19 Jahrhunderte voraus. Aber er wäre von den Hohepriestern verstanden worden – und wo die Menschheit dann heute wäre, sprengt jedes Vorstellungsvermögen! –, wäre nicht ab dem 6. vorchristlichen Jahrhundert alles esoterische Wissen um den Gott Jahwe, das Paradies und die Erbsünde in Vergessenheit geraten. Mit der Vernichtung der Gnosis im 4. Jahrhundert sollte das ein zweites Mal passieren:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/05/nicht-von-dieser-welt.html

    Als ich 2007 das Bewusstsein wiedererlangte, stand ich vor der interessanten Aufgabe, aus einem mit rund 16.000 Atomsprengköpfen bestückten Irrenhaus, das von hochgradig Geisteskranken (genannt “Hochwürden”, nicht “Merkwürden”) in den Wahnsinn getrieben und von berufsmäßigen Vollidioten regiert wird, eine Zivilisation zu machen. Alles andere wäre wohl zu einfach.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/06/natur-und-kultur.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.