Nur die „Tüchtigen“ gehen. Auslandsmigration von Ukrainern und die Folgen

Auf Projektreise mit Caritas international in der Ukraine – 2. Teil

„Wir möchten unseren Kindern eine Zukunft aufbauen!“ Das ist die Motivation der rund fünf Millionen Menschen, die aus der Ukraine ins Ausland gehen, um ihre Familien in der Heimat wirtschaftlich zu unterstützen. Das Durchschnittseinkommen von 200€ monatlich bei fast so hohen Lebenshaltungskosten wie in Deutschland reiche einfach nicht zum Leben und treibe gerade „die Tüchtigen, die Engagierten“ aus dem Land, sagt Andrij Waskowycz, Präsident der Caritas Ukraine.

Arbeitsmarktperspektive: Alicia, Mitarbeiterin der Caritas Odessa, stellt ein Projekt zur Arbeitsmarktintegration vor.
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

„Familie wird durch die wirtschaftliche Situation und die niedrigen Löhne gefährdet!“ warnt er. „Als Caritas haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung und müssen mit an einem Konzept arbeiten. Lohngerechtigkeit ist ein zentrales Thema. Die Menschen müssen ein Auskommen haben, damit sie hier bleiben können.“

 

 

Die sogenannten Eurowaisen sind zwar wirtschaftlich gut versorgt, weil die Eltern Geld aus dem Ausland schicken, wachsen aber bei Familienangehörigen auf und werden sozial nicht ausreichend betreut.

Abreagieren am Boxsack im Zentrum für Straßenkinder in Odessa
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Ihnen fehlt die notwendige Zuwendung. Oft werden sie Opfer von Dealern und drogenabhängig, weil Geld für sie kein Problem ist. Caritas-Projekte versuchen diese Kinder aufzufangen und ihnen Lebensalternativen zu zeigen. 

Kinder im Zentrum The Way Home in Odessa
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

80% der Auslandsmigranten wollen auf jeden Fall in ihr Land zurückkehren, so das Ergebnis einer Studie mit Beteiligung der Caritas zur ukrainischen Arbeitsmigration. Im Ausland leben sie oft prekär in einem Ghettomodell ohne viel Außenkontakte, um so viel Geld wie möglich nach Hause schicken zu können. Andere wiederum wandern aufgrund des globalisierten Arbeitsmarktes der Arbeit hinterher und wechseln mehrmals die Länder.
Die ukrainische Arbeitsmigration ist überwiegend weiblich, oft hochqualifiziert und mit Studienabschluss. Sie arbeiten in Italien, Portugal, Deutschland in Hotels, der Pflege und der Kinderbetreuung. Mütter verlassen ihre Kinder, um fremde Kinder im Ausland zu betreuen. Die eigenen Kinder sehen die Eltern als Bankomat ohne emotionale Bindung. Russland ist das einzige Land, in dem Männer unter den Arbeitsmigranten überwiegen, hier arbeiten sie überwiegend im Baugewerbe.

Straßenkinder
Einer der Schwerpunkte der Caritas Ukraine liegt in der Kinder-und Jugendarbeit mit Straßenkindern. In 2004 gab es 110 000 Straßenkinder. Ähnlich wie in Lateinamerika überwinterten Kinder von etwa 5 bis 16 Jahren in Kanalisationsschächten, tagsüber waren sie auf der Straße zu sehen, schnüffelten Klebstoff und bettelten. Ab 2004 wurde dem Problem auch von Seiten des Staates begegnet, Pflegefamilien für die Kinder gesucht. Kinderheime wurden in kleine, familienähnliche Einheiten umstrukturiert.
Straßenkinder gibt es nach wie vor, aber jetzt wird nach dem familienzentrierten Ansatz und präventiv gearbeitet.

im Zentrum The Way Home Odessa für Straßenkinder: Jugendliche stellen unter Anleitung eines Goldschmiedes Schmuck her.
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Zudem gibt es Programme der Caritas für „Sozialwaisen“, die oft unter häuslicher Gewalt leiden, deren drogen- oder alkoholabhängige Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern. Weitere Projekte, unter anderem in der Hafenstadt Odessa, die ein Drogenumschlagplatz ist, richten sich an „Eurowaisen“, die in die Drogensucht abrutschen.

 

„Eine Brücke in die Zukunft bauen“

In Odessa besuchen wir The Way Home, eine von Caritas international unterstützte Wohlfahrtsorganisation. Sie richtet sich vor allem an Straßenkinder, aber auch an die vielen Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Familien vor dem Ostukraine-Konflikt geflohen sind.

Mara, ehemaliges Straßenkind, hat es mit Hilfe von The Way Home geschafft
Foto: Jürgens

Mara ist eine junge Frau, die es geschafft hat: Mit 10 Jahren kam sie als Straßenkind in das Zentrum, hatte bis dahin noch keine Schule besucht. Mit Hilfe von „The Way Home“ machte sie sogar Abitur und absolvierte ein Studium. Sie arbeitet jetzt im Rathaus der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Svetlana, die Leiterin des Zentrums zeigt uns die Zimmer, in denen rund 30 obdachlose Kinder für etwa ein Jahr leben können und dann nach Möglichkeit wieder in ihre Familien integriert und weiter begleitet werden.

Svetlana leitet das Zentrum The Way Home für Straßenkinder und zeigt uns die Zimmer, in denen die Kinder übernachten.
Foto: Jürgens

The Way Home
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

ein Zimmer in The Way Home, in dem Straßenkinder übernachten.
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Mobile Familienhilfe und eine Elternschule sollen die Selbstresilienz der Kinder und ihrer Familien stärken.

Kinderbetreuung in The Way Home
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Die Kinder gehen auf normale staatliche Schulen und bekommen im Zentrum Nachhilfe. Einige ehemalige Straßenkinder, wie zum Beispiel

Ina ist Streetworkerin für The Way Home.
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Ina, leben jetzt als Mitarbeitende im Haus. Ina war als Kind drogenabhängig, inzwischen ist sie Pädagogin und arbeitet für das Zentrum als Streetworkerin.
Außer den 30 Kindern, die im Zentrum übernachten, kommen täglich rund 300 Kinder, die sozial betreut und mit vielen kreativen und Sport-Angeboten gefördert werden.

Tanzaufführung im Zentrum The Way Home Odessa für Straßenkinder
Foto: Jürgens

Rund 40 Mitarbeitende, darunter Sozialpädagogen, Psychologen, Logopäden, Juristen, Fundraiser, Physiotherapeuten, gehören zum Team und leisten außerdem medizinische Versorgung, physische Rehabilitation, Hausaufgabenbetreuung und Englischunterricht.
In einem mobilen Bus wird bei Jugendlichen von der Straße, die nicht ins Krankenhaus möchten, auf Wunsch anonym Erste Hilfe geleistet.

Töpfern für die Kleinsten
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Die Stiftungsmittel für das Zentrum reichen oft nicht aus, daher müssen immer wieder alternative Finanzierungsmöglichkeiten gefunden und Spenden eingeworben werden.
Dank Facebook und Instagram ist es gelungen, die Zielgruppen zu erweitern und die Arbeit bekannter zu machen. Zwischen den zwei starken NGO’s in Odessa, The Way Home und Caritas besteht eine Kooperation, ein Partnervertrag wurde unterschrieben. Es gibt fachlichen Austausch und gemeinsame Fortbildungen. Betroffene werden gegenseitig vermittelt.

Menschenhandel
Ein dreijähriges Projekt der Caritas in Odessa unterstützt mit Hilfe der Caritas Spanien, Frankreich und Ukraine soziale Organisationen in mehreren Städten gegen Menschenhandel. „Mobile Infoteams gehen auch in 26 Bezirke aufs Land. Wir wollen ein Bewusstsein bei den Menschen schaffen, die Risikogruppen sind.“ erklärt Caritas-Projektleiter Alexej.

Präsentation des Caritas-Projektes gegen Menschenhandel in Odessa
Foto: Caritas Odessa/BorisBukhman

Nicht nur präventive Arbeit ist ein Schwerpunkt, seit 2016 konnte auch praktische Hilfe, materielle und psychische, für 40 betroffene Menschen geleistet werden.
Netzwerkarbeit ist ein wichtiger Bestandteil des Projektes, in der Ukraine gibt es Zwangsprostitution, aber auch im Ausland werden Frauen aus der Ukraine zu Zwangsprostitution gezwungen. Im engen Austausch unter anderem mit der Caritas Essen, der Polizei, dem Auswärtigen Amt wird versucht, Rückkehrerinnen in die Ukraine zu helfen. Es gibt ein Frauenhaus für ehemalige Zwangsprostituierte.

Die sexuelle Ausbeutung hat abgenommen, so die Erfahrung der Caritas Odessa, bei den meisten Opfern von Menschenhandel geht es um Arbeitsausbeutung. Inzwischen werden auch Kinder Opfer und über das Internet angeworben. Die Caritas gehört zu einem mediterranen Netzwerk, das präventiv im Internet gegen den Missbrauch von Kindern tätig ist.
„Sklaverei gibt es auch heute noch. In unserer Arbeit begegnen wir Menschen, die teilweise schon 12 Jahre in einer solchen Situation leben.“

Die Arbeit der Caritas in der Ukraine wird nicht staatlich finanziert und ist auf Hilfe und Solidarität des Auslandes angewiesen Im April 2019 läuft das Projekt aus: Um die Arbeit der Caritas in Odessa gegen Menschenhandel auch nach Ende der Projektlaufzeit im April 2019 weiterführen zu können, sind 20 Tausend € pro Jahr notwendig.

Caritas international unterstützt die soziale Arbeit der Caritas Ukraine. Ihre Spende kommt an:
Spendenkonto Caritas international: IBAN DE88 6602 0500 0202 0202 02
Stichwort: Ukraine

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

Ein Kommentar zu “Nur die „Tüchtigen“ gehen. Auslandsmigration von Ukrainern und die Folgen

  1. Liebe Marianne,
    danke für den sehr interessanten Bericht. Er ermöglicht einen kleinen Einblick in die Herausforderungen der Caritas Ukraine.

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