Impressionen aus Holland!

Windmühlen, Tulpen, Käse…… das können typische Impressionen aus den Niederlanden sein. Ich hatte gestern die Möglichkeit das niederländische Demenzdorf De Hogeweyk zu besuchen. Dieses wurde und wird immer wieder in deutschen Medien hervorgehoben, wenn es um neue und andere Wege der stationären Pflege und Betreuung Demenzkranker geht.

Mir hat wirklich sehr gefallen, wie entspannt und ruhig die Atmosphäre dort ist. Tatsächlich wirkte das Ganze mit dem Zugang über eine zentrale Markthalle mit Cafe, Restaurant, Kneipe und Mini-Supermarkt für mich als ausflugserfahrener Familienvater eher wie ein Centerparc, als wie ein Altersheim.

Das Konzept folgt im Wesentlichen der Idee, dass ein demenzkranker Mensch in seiner eigenen Lebenswelt lebt. Die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger wollen die Erfahrung so real wie möglich für die Bewohner machen. So kaufen  die Betreuer mit Bewohnern im Supermarkt ein und die Bewohner assistieren dann beim Zubereiten und Kochen wie zu Hause. Die Wohnstile der Gruppen folgen der Lebenskultur der Biographie Ihrer Bewohner, und es wird versucht, den neuen Bewohner in eine für ihn passende Lebenswelt einziehen zu lassen. Die kann eine eher bürgerlich-intellektuelle, wie auch eine aus dem Arbeitermilieu sein, je nachdem, welche Umgebung für den Bewohner vertraut wirkt. Bewohner in jedem Haus haben ihr eigenes großes Schlafzimmer und teilen sich mit anderen Bewohnern Badezimmer, Wohnzimmer, Küche und Esszimmer. Das Leben läuft im Wesentlichen in diesen Hausgemeinschaften ab, wobei jeder Bewohner fast immer das Haus verlassen und sich in der Anlage frei bewegen kann. Die Mitarbeiter sind angehalten, die Realitäten des alten Menschen zu akzeptieren, statt zu korrigieren.

Insgesamt leben dort 152 Menschen in 24 Einheiten für 6-8 Personen.

Ich möchte jetzt nicht in eine Diskussion eintreten, ob ein solches Konzept richtig oder falsch ist, oder ob man hier nicht eine Scheinwelt wie im Film „die Truman-Show“ mit Jim Carrey aufbaut, oder auch nicht, ob die Holländer wie immer einfach viel innovativer und ideenreicher als wir Deutschen sind.

Auch in Holland ist De Hogeweyk nicht das übliche Konzept!

Auch wir sind in unseren Caritas-Altenzentren auf dem Weg neue Konzepte umzusetzen: Hausgemeinschaften in Form von überschaubaren Pflegegruppen, eine dezentrale Versorgung der Hauswirtschaft und neue Arbeitsformen, wie die Präsenzkräfte.

Neben engagierten Mitarbeitenden und überzeugenden Führungskräften, die es bei uns wie in Holland zu finden gibt, machen aber einige Dinge den Unterschied der Systeme und Möglichkeiten aus:

  • Die Pflegekosten im Monat liegen in der Hogeweyk immer bei 6500,- € im Monat, und zwar unabhängig vom Pflegegrad. Die Pflegekosten in einer stationären Pflegeeinrichtung der Caritas Köln liegen im Monat in der höchsten (!) Pflegestufe bei ca. 5000,-. €. Das sind dann doch mal eben 23% weniger.
  • Diese unterschiedliche finanzielle Ausstattung führt dann auch zu 20 – 30% mehr Betreuungspersonal, so dass hier auch eine deutliche geringere Belastung der Betreuungskräfte und somit mehr Zeit und Ruhe besteht.
  • Die Organisation der Einrichtung ist deutlich weniger von Effizienz und Effektivität geleitet, die sich bei uns aus dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck ergibt, sondern von dem Ziel der Schaffung einer „normalen“ Situation. Einkaufen im Supermarkt statt Lagerhaltung und Verteilsysteme! Das ist dann auch ein wenig teurer.
  • Ein Haus mit 150 Bewohnern schafft Vorteile, weil viele Dinge eben doch einfacher und günstiger sind, wenn man Sie für eine größere Personengruppe teilt. Aus ideologisch-politischen Gründen wurde in NRW eine zwanghafte Reglementierung auf neue Pflegeeinrichtungen für maximal 80 Bewohner gesetzt. Ist ein Heim nur gut, wenn es klein ist?
  • Normierungen sind auch in den Niederlanden vorhanden, jedoch nicht so bürokratisch und starr wie in Deutschland. Eine Fachkraftquote gibt es nicht, wohl aber Regelungen, welche Tätigkeit mit welcher Qualifikation erfüllt werden darf. Das macht Innovationen möglich!
  • Ein System mit verschiedenen Kostenträgern von Pflegekasse, Krankenkasse, Landschaftsverband und örtlicher Sozialbehörde gibt es auch nicht. Die Pflege ist komplett selbst- und steuerfinanziert! Damit entfallen Selbstverwaltungskosten diverser Verwaltungen und mehr Geld kommt in das Hilfesystem.
  • Nicht jeder bekommt alles, manche auch nur, das was vereinbarter Mindest-Standard ist. Eine Betreuungsaktivität pro Woche ist inklusive, jede weitere muss extra bezahlt werden. Auch das ist ein Gegensatz zu unseren Erwartungen des all-inclusive.

Was nehme ich nun aus dem Besuch in Holland mit? Die Verstärkung meines Eindruckes, dass die Grundlage einer bessern Situation der Pflege engagierte Mitarbeiter und gute Führung ist. Das haben auch wir! Aber auch eine ausreichende Finanzierung und weniger starre Bürokratie! Die haben wir in Deutschland in der Pflege leider noch immer nicht! Wir setzen uns aber weiter dafür ein.

 

 

Über den Autor

Detlef Silvers,
leitet das Geschäftsfeld Stationäre Betreuung - vielfältig mit einem Dienstleistungsangebot von Tagespflege, Kurzzeitpflege, vollstationärer Dauerpflege, Wohnen für Menschen mit Behinderungen bis zur Begleitung Sterbender in Hospizen.
Menschlichkeit pflegen! - hierfür steht Stationäre Betreuung der Caritas!
Mit 770 Mitarbeitenden in 21 Einrichtungen an 13 Standorten in Köln leisten wir so gemeinsam unseren Dienst für über 900 Menschen.

Das begeistert mich:
Mit Menschen zusammen kommen und gemeinsam etwas bewegen! Etwas aufbauen, dass auch nach Jahren noch Bestand haben kann! Rahmenbedingungen schaffen für eine gute Lebenssituation der Betreuten und fördernde Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende!

Das ärgert mich:
Die oft einseitige Darstellung von Pflege in der Öffentlichkeit! Pflegemängel in Heimen, verbesserungswürdige Arbeitssituationen, Personalnotstände – ja das gibt es leider! Aber noch mehr gibt es engagierte Mitarbeiter, überzeugende Leitungen und gute Träger! Wir brauchen keine Skandalisierungen, sondern die richtigen Konzepte, um die Pflege zukunftsorientiert zu entwickeln!

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