Der Blick von meinem Arbeitsplatz auf Ehrenfeld… Vielfalt oder Abschottung?

Aus meinem Fenster sehe ich den Dom, den Fernsehturm, die Minarette der Großmoschee, bunte Graffitis über den Bahnbögen. Ich sehe Offenheit, Vielfalt, all das, was eine Großstadt wie Köln so ausmacht. Es regt mich an, wenn ich beim Schreiben von Texten, den Blick kurz schweifen lasse, und macht meinen Kopf freier.

Täglich fahre ich an der Großmoschee vorbei, für mich ein architektonisches Meisterwerk des Architekten Paul Böhm, das mit den Durchbrüchen nach oben Licht, Himmel, die Welt draußen nach innen lässt. Das Gebäude ist eigentlich das genaue Gegenteil eines Symbols der Abschottung, wie Carsten Fiedler es nach dem Erdogan-Besuch in seinem Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger vom 01.10. beschreibt. Aber leider war dieser denkwürdige Tag nicht anders zu verstehen. Die Kommunikation der Ditib, der Affront gegen städtische Vertreter*innen, die Inszenierung des Erdogan-Besuchs, das Auftreten der Ditib-Sicherheitspersonals, die Erdogan-Anhänger*innen, die ihren Beschützer enthusiastisch und geschlossen feierten.

Die Stadt stand am Samstag still und auch ich war wie viele andere sprachlos über die Inszenierung des Autokraten, über die vertane Chance, mit der offiziellen Eröffnung ein Fest der Begegnung in der Stadtgesellschaft zu feiern, die für gegenseitiges Verständnis wirbt, so wie auch der Beirat es immer angeregt hatte. Stattdessen hat Erdogan, der in der Türkei immer wieder mit Menschenrechtsverletzungen von sich Reden macht, das Forum genutzt, bei seinen Anhängern in Deutschland für sich zu werben. Andersdenkende hatten da keinen Platz, kleine Proteste wie ein Anti-Erdogan-Transparent an einem der Fenster an der Venloer Straße, wurde von seinen Anhängern mit  Steinwürfen quittiert, bis das Fenster zu Bruch ging.

Das war bedrückend, aufwühlend,… und konnte sich bei mir erst wieder etwas sortieren, als wir abends auf der Domplatte die Illumination “Dona nobis pacem (Gib uns Frieden)” der Künstler Detlef Hartung und Georg Trenz gesehen haben, die an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erinnert. Dort waren ebenfalls viele Menschen. Alle waren sehr ruhig, konzentriert, fast andächtig, eine  spirituelle Atmosphäre. So bedrückend die Erinnerung an Tod, Zerstörung und Opfer des Ersten Weltkrieges in der Installation aufgegriffen wird, so klar mündet sie in die einzige Rettung unserer Gesellschaft und unseres Menschenlebens, die möglich ist: in Frieden, Verständigung, Solidarität, Respekt, Nächstenliebe …

Gibt es Hoffnung, doch wieder Brücken zwischen den unterschiedlichen Welten in Ehrenfeld bauen zu können? Bezirksbürgermeister Josef Wirges, ein Mann der leidenschaftlich die Verständigung und den Austausch der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in Ehrenfeld fördert, spricht von Scherbenhaufen, von einem sehr dünn gewordenen Faden des Zusammenhalts im Stadtteil. Aber solange es ihn und viele andere gibt, die nicht den Kopf in den Sand stecken, gibt es vielleicht doch noch Hoffnung. Das muss dann aber auch die Ditib wollen.

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

Ein Kommentar zu “Der Blick von meinem Arbeitsplatz auf Ehrenfeld… Vielfalt oder Abschottung?

  1. Wir müssen endlich klar machen, daß Mehrheitsgesellschafr nicht die Bürger*innen mit dem deutschen Pass und der Geburt in Deutschland sind, sondern die, die liberalen, humanistischen Werte und die damit verbundene Lebensweise und das Menschenbild teilen.
    Und wir müssen endlich klar machen, daß diese Gesellschaft geschützt wird vor den Schergen der AKP und den Spitzeln der DITIB. Auch türkischstämmige Mitglieder dieser Mehrheitsgesellschaft haben Anspruch auf ein angstfreies Leben in dieser Stadt. Wir haben hierr was gegen rechte Gesinnung – egal in welcher Sprache sie vorgetragen wird!

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