Interview mit der Schulleiterin des Bildungszentrums für die generalistische Pflegeausbildung

 

Anlässlich unseres Jahresberichts und dem gerade erfolgten Spatenstich für unser neues Bildungszentrum haben wir ein Interview mit der Schulleiterin des Bildungszentrums Dipl.-Päd. Myrofora Hatziliadis M.A. geführt.  

 

1. Was sind aus Ihrer Sicht die hauptsächlichen Vorteile der generalistischen Pflegeausbildung?

Aus dem Blickwinkel der Azubis

Nach der Ausbildung sind sie in der Lage, stationär oder ambulant Menschen jeden Alters sowohl im Krankenhaus als auch im Pflegeheim zu pflegen. Sie können im Laufe ihres Berufslebens den Bereich wechseln und ihre Berufstätigkeit……nach ihrer aktuellen Lebenslage gestalten. Sie erhalten einen ersten qualifizierten Berufsabschluss, der ihnen nicht nur eine europaweite Anerkennung sichert, sondern auch Möglichkeiten des Erwerbs erweiterter heilkundlicher Kompetenzen und des Studiums eröffnet.

Aus dem Blickwinkel der Gesellschaft

Egal ob Kind, Erwachsener oder alter Mensch: Kranke oder pflegebedürftige Menschen können sich zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus darauf verlassen, dass sie auf Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner treffen, die in allen Bereichen beruflicher Pflege ausgebildet sind. Auf Pflegekräfte, die den Pflegeprozess steuern und so dafür Sorge tragen, dass jeder die Hilfe und Förderung erhält, um seine größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu behalten oder zurückzugewinnen.

2. Mit Ihrem Blick als Schulleitung: Welche großen Herausforderungen haben Sie in der schulischen Ausbildung (der Auszubildenden) zu bewältigen?

Die größte Herausforderung haben unsere Lehrkräfte zu schultern: Sie müssen alle Unterrichte auf die neue Ausbildung anpassen, zum großen Teil auch neu entwickeln.

Wir haben hoch unterschiedliche Auszubildende in jedem Kurs: Die Altersspanne reicht von 16-58 Jahren, die schulische Vorbildung vom Hauptschulabschluss Kl. 10 bis zum Abitur und wir haben Auszubildende unterschiedlicher kultureller Herkunft. Dies ist eine der größten  Herausforderung für die Didaktik und die methodische Gestaltung des Unterrichts. Aber auch für die Lernbegleitung jedes einzelnen Auszubildenden.

Wir möchten, dass die jahrzehntelang beklagte Kluft zwischen Theorie und Praxis endlich überwunden wird. Dafür bauen wir eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, die in beide Richtungen begehbar ist. Unsere Brücke wird gebaut aus unserem Curriculum, der Fachpraxis, dem SkillsLab und der Praxisbegleitung. Die Stützpfeiler bilden unsere Arbeitskreise: Unser Curriculum ist auf Pflegesituationen in der Praxis ausgerichtet, der fachpraktische Unterricht übt einzelne Pflegehandlungen ein und im SkillsLab werden unsere Auszubildenden in Zukunft für komplexe Pflegesituationen trainiert, in denen sie selbstständig entscheiden und handeln müssen. Die Auszubildenden werden in jedem Praxiseinsatz durch Lehrkräfte begleitet und wir haben gemeinsame Arbeitskreise mit Praxisanleiter*innen und mit den Ausbildungskoordinator*innen unserer drei Träger.

Weitere Herausforderungen liegen in der Digitalisierung und der Lernförderung unserer Auszubildenden, aber auch in der notwendigen Veränderung organisationaler Strukturen.

3. Sie tragen einen wichtigen Teil dazu bei, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Was muss sich auf anderen Ebenen noch tun, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Ausbildung war, ist und wird immer eines sein, nämlich teuer. Wir brauchen den gesellschaftlichen und den politischen Willen, in die Pflegeausbildung in hohem Maße zu investieren. Wer nicht investiert, kann keine Erträge, keine Gewinne erwarten. Der Gewinn wird jedem Bürger spürbar sein, wenn er im Falle von Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit auf gut ausgebildete Pflegefachfrauen/-männer trifft. Als Pflegende tragen wir dazu bei, die Arbeitsfähigkeit von Arbeitnehmer/-innen wiederherzustellen. Davon profitiert die Wirtschaft. Nicht ausreichend in die Ausbildung zu investieren, lässt nahezu alle gesellschaftlichen Systeme irgendwann zusammenbrechen. Wir erhalten in der Pandemie einen kleinen Ausblick auf ein solches Szenario, wenn die ohnehin zu wenigen Fachkräfte durch Krankheit zeitweise und auf Dauer ausfallen.

Das Land NRW hat den Stellenschlüssel von 1:20 auf 1:25 herabgesetzt, was zu einer sehr hohen Arbeitsbelastung der Pflegepädagog/-innen und Lehrer/-innen für Pflegeberufe geführt hat. Der Stellenschlüssel muss verbessert werden und zur Finanzierung der zusätzlichen Lehrerstellen muss die Ausgleichzahlung pro Auszubildenden für die Pflegeschulen deutlich angehoben werden.

Ohne diese Fachlehrkräfte ist die Ausbildung und eine relevante Erhöhung der Ausbildungsplätze nicht möglich. Es gibt viel zu wenig Pflegepädagog/-innen. Deshalb  brauchen wir erheblich mehr Studienplätze in NRW. Erfahrene Pflegefachkräfte, die studieren möchten, benötigen eine Förderung, um während des berufsbegleitenden Studiums zumindest teilweise den Einkommensverlust auszugleichen.

Inzwischen bringen sehr viele Auszubildende deutliche Defizite in der Sprache und den Grundlagen aus den allgemeinbildenden Schulen mit. Das betrifft nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. Wir brauchen deshalb zusätzliche Mittel, um unsere Auszubildenden im Lernen individuell noch stärker zu fördern.

Natürlich brauchen wir vor allem Auszubildende. Ausbildungsoffensiven allein reichen nicht. Es muss uns gelingen, mit unseren pädagogischen Konzepten zu überzeugen, dass es sich lohnt, drei Jahre lang bei uns und mit uns zu lernen. Und es muss uns gelingen interessierte Menschen davon zu überzeugen, dass der Beruf der Pflegefachfrau/-mann ein Beruf ist, der sich durch die Vielfalt der Tätigkeiten, der Einsatzbereiche und der Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten sehr gut an die eigene Lebensplanung anpassen lässt. Unsere Absolvent/-innen werden immer innerhalb unserer Trägergemeinschaft ein passendes Angebot persönlicher und beruflicher Weiterentwicklung finden. Wir sind eine starke Gemeinschaft, die das leisten kann. Das macht uns einzigartig.

3. Blick in die Zukunft: Wie entwickelt sich das Caritas-Bildungszentrum weiter?

Wir möchten mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass die Einrichtungen unserer Träger zuverlässige, beruflich handlungsfähige Pflegefachfrauen/-männer einstellen können.

Voraussichtlich im Juli 2023 werden wir in das neue Gebäude auf den Campus Hohenlind ziehen. Dort erwarten uns großzügige Unterrichts- und Praxisräume auf 5 Etagen mit aktueller technischer Ausstattung und vor allem: ein SkillsLab. Hierauf freuen wir uns besonders, denn das SkillsLab ermöglicht uns, unsere Auszubildenden praxisnah für komplexe Pflegesituationen zu trainieren, in denen sie eigenverantwortlich und selbstständig handeln können müssen. Was in der Medizinerausbildung seit fast 20 Jahren Standard ist, werden wir nun endlich auch in der Pflegeausbildung einsetzen können.

Ich möchte, dass Lehrende und Auszubildende bei uns den Mut finden, Neues auszuprobieren. Dass sie die Zeit der Ausbildung und die Unterrichte als willkommene Chance nutzen, sich als Personen, als Lehrende und als Lernende und als zukünftige Pflegefachfrauen/-männer weiterzuentwickeln, dass sie Berufsstolz entwickeln, dass sie stolz sind, Teil dieser starken Gemeinschaft der drei Träger zu sein. An den dafür notwendigen Strukturen arbeite ich.

Weiter in die Zukunft geschaut: Wir werden mit der Zeit 3-zügig werden, also zu drei Zeitpunkten im Jahr jeweils einen Kurs zur Pflegefachfrau/-mann beginnen und damit bis zu 252 Auszubildende haben. Auch die Pflegeassistenz soll in das regelmäßige Angebot überführt werden. Das ist angesichts des dramatischen Fachkraftmangels in der Pflege dringend nötig.

Was wir bauen, bauen wir solide. Nicht nur das neue Schulgebäude, auch die Brücke zwischen Theorie und Praxis. Die Fundamente für beide Bauprojekte sind ausgehoben.

5. Zahlen, Fakten und Kontakt für Anmeldung: Wie viele Azubis haben Sie zurzeit? Wann beginnen die Kurse in 2022? Laufen die Bewerbungen über die Träger oder ist das auch bei Ihnen direkt möglich?

  • 130 Auszubildende in 5 Kursen, ab 01.04.2022 etwa 158 Auszubildende in 6 Klassen
  • Pflegefachfrau/-mann: Jedes Jahr zum 01.04. und zum 01.10.
  • Pflegfachassistenz: Beginn 01.09.2022 (mit bis zu 28 Auszubildenden)
  • Bewerbungen können für alle drei Träger direkt an das Bildungszentrum gerichtet werden

 

Über den Autor

Mitarbeiter der i-gelb GmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.