Wenn sich Menschen wie “Geflüchtete zweiter Klasse“ fühlen, wäre das so verständlich wie traurig und gefährlich

Ein Gastbeitrag unseres Kollegen Thomas Schaper, er ist Sozialpädagoge in der Jugendarbeit

Allem Anschein nach, verbreitet sich bei immer mehr Menschen die Meinung, dass Geflüchtete aus der Ukraine besser behandelt werden als Geflüchtete aus anderen Ländern. Mir stellt sich die Frage, was da dran ist.

Sicherlich hängt viel davon ab, mit welcher Gruppe die Geflüchteten aus der Ukraine verglichen werden und zu welchem Zeitpunkt dieser Vergleich angesetzt wird. Ich erinnere mich an 2015: Immer mehr Menschen aus Syrien erreichten Deutschland. In den Medien kursierte ein Bild eines leblos am Strand liegenden kleinen Jungen. Ein furchtbares Bild und zugleich ein Bild, welches anscheinend nicht nur mich betroffen gemacht hat. Ich erinnere mich, dass ich zu dieser Zeit seitens der deutschen Gesellschaft viel Mitgefühl gegenüber den Menschen aus Syrien wahrgenommen habe. So überraschte es mich nicht, dass die Aufnahmebereitschaft zunächst sehr groß erschien: Menschen fuhren zu Bahnhöfen, hießen die Menschen aus Syrien willkommen und machten ihnen Geschenke. Ein Freund, der in der Migrationsberatung arbeitet, berichtete mir, dass er zu dieser Zeit unzählige Anrufe von Menschen erhielt, die Geflüchtete bei sich Zuhause aufnehmen wollten. Zudem waren die Asylgesetze noch deutlich liberaler als im weiteren Verlauf.

Die aktuelle Situation erinnert mich an vielen Stellen an die damalige Situation. Doch es dauerte nicht lange und ich erlebte, wie die Stimmung kippte: Anti-muslimische Aussagen wurden mehr und lauter und wurden öffentlich immer sagbarer. Ereignisse wie die Silvesternacht von Köln, Charlie Hebdo, Scharia-Polizei in Wuppertal, Bataclan etc. schienen diese Stimmung bis ins Unermessliche zu steigern. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde sogar irgendwann die Frage gestellt: „Seenotrettung – oder sollte man es lassen?“

Das war für mich der Tiefpunkt der öffentlichen Debatte. Ja, die kulturellen (jedoch differenziert zu betrachtenden und nicht zu verallgemeinernden) Unterschiede zwischen Deutschland und hauptsächlich muslimisch geprägten Ländern mögen in manchen Bereichen groß sein. Und ja, es gibt auch Themen, die echte Herausforderungen für uns als Gesellschaft darstellen. Aber kann es sein, dass wir deswegen die Hilfe für Menschen in größter Not in Frage stellen und im Zweifel sogar bereit sind, diese leiden und sogar sterben zu lassen? Das kann ich nur mit einem ausdrücklichen „NEIN“ beantworten. Es gibt aus meiner Sicht wesentlich menschlichere Möglichkeiten, wie wir mit diesen Herausforderungen umgehen können. Der Rechtspopulismus und teilweise Rechtsextremismus drangen jedoch immer weiter in die Mitte der Gesellschaft. Viele Menschen aus Syrien, aus nordafrikanischen Staaten, Afghanistan, aus den Balkanstaaten etc. kamen in der Zeit nach der anfänglichen Aufnahmeeuphorie mitten in ein von Islamfeindlichkeit und Fremdenhass geplagtes Deutschland. Zudem wurden die Asylgesetze immer weiter verschärft. Wenn einige dieser Menschen sich in der heutigen Situation wie “Geflüchtete zweiter Klasse“ fühlen, wäre das daher so verständlich wie traurig und gefährlich.

Der Fehler liegt meiner Meinung nach jedoch ganz bestimmt nicht in der aktuell großen Aufnahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft, sondern in der undifferenzierten und verallgemeinernden Islamkritik der letzten Jahre, daran, dass wir zugelassen haben, dass rechtes Gedankengut die Politik und die öffentliche Debatte vor sich hertreiben konnte und vielleicht auch daran, dass wir uns an langanhaltende Kriege zu stark gewöhnt haben und sie dadurch immer weniger unsere Herzen berührten. Wir müssen aus meiner Sicht alles dafür tun, diese Entwicklung rückgängig zu machen. Und wir dürfen diesmal nicht zulassen, dass die Stimmung wieder kippt. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es diesmal etwas besser laufen könnte. Denn ich denke nicht, dass es zu vergleichbar medienwirksamen Ereignissen wie beispielsweise Terroranschlägen kommen wird, so dass Menschen nicht so sehr verängstigt werden. Ich glaube auch, dass viele Menschen sich leichter damit tun, Frauen und Kinder aufzunehmen, als junge Männer oder männliche Jugendliche. Ich denke, dass die emotionale Betroffenheit aufgrund unserer geografischen Nähe zum Kriegsgeschehen etwas stabiler bleiben könnte. Ich vermute außerdem, dass das Thema nicht ganz so schnell aus den Medien verschwinden wird, weil die politischen Reaktionen sich diesmal viel stärker auch auf uns selbst auswirken werden. Und ich glaube leider auch, dass manche Menschen in Deutschland weiße und orthodoxe Menschen aus Europa lieber um sich haben als muslimische Menschen aus dem Süden von Europa.

Ja, meiner Meinung nach spielt das Thema Rassismus leider auch eine nicht unwesentliche Rolle in dieser komplexen Situation. Ich sehe es als meine und unsere Aufgabe an, dies immer wieder zu benennen und zu verurteilen und möchte daher ein aktuelles Beispiel mitten aus dem Leben teilen: Ein Syrer musste bei der Arbeit in einer Notunterkunft für Menschen aus der Ukraine mit anhören, wie eine Person sagte: „Ach, diese Ukrainer sind meine Lieblingsflüchtlinge.“ Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sich das für einen Syrer anfühlen muss. Ich fordere, dass wir endlich aufhören, die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen. Geflüchtete Menschen brauchen Hilfe, egal woher sie kommen! Wir sollten weder die Hilfsbereitschaft für geschockte und sich in akuter Not befindende Menschen aus der Ukraine in Frage stellen und sollten nicht vergessen, dass auch für Geflüchtete, die nicht aus der Ukraine kommen, seit Jahren viele kostspielige Programme laufen, in denen viele engagierte Menschen arbeiten und sich manche bis heute für die damals zugewanderten Menschen ehrenamtlich engagieren. Noch sollten wir vergessen, dass die Kriege in anderen Ländern genauso brutal weitergehen und dass Menschen, teilweise seit Jahren, in menschenunwürdigen Lagern im Süden Europas leiden.

Wenn wir die verschiedenen Gruppen nicht gegeneinander aufhetzen wollen, sollten wir das alles im Blick haben. Natürlich sind die Ressourcen begrenzt und in der Praxis ist es leider so, dass Prioritäten gesetzt werden müssen. Denn je mehr Menschen zu uns kommen, die unsere Unterstützung brauchen, desto weniger Unterstützung bleibt für den einzelnen oder die einzelne. Das ist traurig aber leider wahr. Es sei denn… Ja, es sei denn, wir hätten da noch etwas Luft nach oben, was die Hilfe für Menschen in Not betrifft – vor allem im Hinblick auf Langfristigkeit. Vielleicht sollten wir es nicht so sehr als Heldenhaftigkeit, sondern eher als Selbstverständlichkeit ansehen, dass in einer Welt voller Elend ein hoch privilegiertes Land wie Deutschland hilft. Vielleicht könnten wir Hilfe für Menschen in Not als ständige Aufgabe verstehen, so wie Arbeiten, die Wohnung putzen oder die Steuererklärung machen – natürlich je nach vorhandenen eigenen Ressourcen. Denn der Bedarf nach Hilfe wird vermutlich in den kommenden Jahrzehnten nicht abnehmen. Vielleicht kriegen wir es diesmal hin, dass die Stimmung nicht kippt und vielleicht schaffen wir es, die Hilfsbereitschaft für Menschen in Not nicht von ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer Religion, ihrem Alter oder ihrem Geschlecht abhängig zu machen, sondern vom Ausmaß ihrer Not.

Vielleicht kann uns die neu aufgeflammte Betroffenheit dabei helfen, wieder mehr Mitgefühl für alle Menschen in Not zu entwickeln. Und so können wir vielleicht dazu beitragen, dass unter den zugewanderten Menschen keine giftige Neiddebatte entsteht. Das würde ich mir sehr wünschen. Denn Menschen, die vor Krieg oder Verfolgung geflüchtet sind, brauchen sicherlich keine zusätzlichen Feindschaften, sondern Zuwendung und Frieden. Ich glaube, das können wir schaffen.

 

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

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