Ist der Weg wirklich und immer das Ziel?

In den Sommerwochen machen sich viele tausende Urlaubsreisende auf den Weg. Mit den Meldungen über Superstaus gerade zu Ferienbeginn oder hilfreichen Hinweisen auf Serviceseiten und in Ratgebern, wo die größten Engpässe sind und wie man sie umgehen kann, um ungetrübt, gutgelaunt und vor allem stressfrei an sein Reiseziel zu gelangen, muss ich an den Ausspruch denken: Der Weg ist das Ziel.

In diesem Zusammenhang frage ich mich, ob die Urlaubsreisenden das auch so sehen? Fängt der Urlaub damit an, dass der Schreibtisch im Büro halbwegs freigeräumt ist, der Abwesenheitsassistent eingestellt, das Haus/die Wohnung verschlossen ist, die sieben Sachen gepackt sind, die Familie unterm Arm geklemmt ist und man los fährt? Oder damit, dass man am Reiseziel angekommen ist, seine Badehose in den Schrank geräumt, mit dem Badetuch für die nächsten 10 – 14 Tage der Liegestuhl am Hotel eigenen Pool markiert hat, das Auto leergeräumt ist und die Fahrräder im Schuppen des Ferienhauses untergestellt sind?

Ich muss zugeben, dass ich mit dem Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ so manches Mal meine liebe Müh und Not habe. Was soll das denn heißen, der Weg ist das Ziel? Passt das überhaupt in unsere Leistungsgesellschaft, in deren Verständnis eher der anvisierte Endpunkt das Ziel sein sollte? Abrechenbar? Überprüfbar? Messbar? Wenn der Weg das Ziel ist, wann weiß ich dann, ob ich angekommen bin, ob mein Weg zu Ende ist, ich nicht ziel- und planlos durch die Gegend irre?

Es ist wahrscheinlich, wie so oft im Leben, eine Frage der Perspektive. In der „Sommerzeit“, der kostenlosen Zeitschrift des Erzbistums Köln, las ich vor ein paar Wochen ein Interview, das sich genau mit der Frage „ Ist der Weg das Ziel?“ befasste und mir mit der allgemeinen Ferien- und Urlaubszeit wieder in den Sinn kam.

Nicht nur verkehrstechnisch in Bewegung sein, sondern in einem übergreifenden Sinn in Veränderung sein, gehört zu den Grundeigenschaften der Menschheit. Ohne geistige, körperliche und auch raumgreifende Bewegung und Beweglichkeit gäbe es z.B. viele technische Entwicklungen und Entdeckungen nicht, befände sich die geistige und intelligente Leistungsfähigkeit der Menschheit sicherlich noch vor der Evolutionsphase.

In dem genannten Interview wurde interessanter Weise darauf hingewiesen, dass von Nietzsche das Wort stammt, dass man keinem Gedanken trauen soll, der im Sitzen entstanden ist. Zu Rousseau wurde hingewiesen, dass er immer neben der Kutsche gelaufen ist, um den Staub der Landstraße zu spüren. Das heutige Verkehrsaufkommen in unseren Städten rät an dieser Stelle aus versicherungstechnischen, haftungsrechtlichen sowie Selbsterhaltungsgründen eher zu einer gewissen Zurückhaltung bei der Nachahmung.

Vielleicht sollen wir am Ende gar nicht ans Ziel kommen? Vielleicht sollen und müssen wir in Bewegung bleiben? Nicht umsonst heißt es bei Frisch „Stillstand ist der Tod“ oder schon bei Goethe „Was nicht vorwärts gehen kann, schreitet zurück“ oder in einer zeitgenössischen leistungsorientierten Übersetzung von Bennigsen-Foerder „Stillstand ist Rückschritt.“

So betrachtet, kann ich für den Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ Sympathie entwickeln. Es gibt nichts Statisches. Alles fließt. Leben ist Bewegung und Veränderung: sich immer wieder auf den Weg machen, auch ins Ungewisse – das braucht Mut und Vertrauen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer und kommen Sie immer gut ans Ziel, gleich auf welchen Weg Sie sich machen!

Über den Autor

Dorothee Bodewein leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung; ob es um Arbeitslosigkeit, Integration von Neuzuwandernden und Einwanderern, Überwindung von Armut und Verschuldungssituationen, sozialraumorientierte soziale Arbeit, die Kooperation mit Migrantenorganisationen, Antidiskriminierungsarbeit, interkulturelle Öffnung oder die Förderung bürgerschaftlichen Engagements geht, immer geht es darum, Menschen Perspektiven zu geben und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen.

Das begeistert mich...
... dass es Menschen gibt, die sich haupt- und ehrenamtlich für andere einsetzen, ihre Zeit schenken sowie ihr Wissen und Können einbringen, um ältere, alleinstehende, einsame, kranke oder fremde Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten, in ausweglosen Situationen Zuversicht, Perspektive und Anstoß zu geben.

Das ärgert mich ...
... wenn Menschen ausgegrenzt und in der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden aufgrund Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Behinderung, Gesundheit und Leistungskraft, Erfolg oder Misserfolg; ja, wenn Menschen ihr Recht auf Würde, freie Entfaltung, Chancengleichheit oder einfach anders zu sein, abgesprochen wird.

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