Obdachlose zweiter Klasse? Wie die lokale Presse über obdachlose EU-Bürgerinnen und Bürger in Köln berichtet.

Tim Westerholt, Leiter des Fachdienstes für Integration und Migration bei der Kölner Caritas:

Zwei Wochen, sechs Zeitungsartikel in großen Kölner Printmedien und es ist klar, wir brauchen einfach unsere Prügelknaben: Nachdem es um die stilisierten „Flüchtlingsmassen“ der Vorjahre etwas ruhiger geworden ist, fehlen uns einfach die Aufreger! Da kann sich der mediale Zeigefinger doch endlich empört auf die fast vergessene Zielgruppe der EU-Bürger richten, die pöbelnd ausgerechnet unsere schöne Deutzer Freiheit oder das Agnesviertel verschandeln. Wie war das doch noch gleich im Jahr 2014, mit der Öffnung der Freizügigkeit für Bulgaren und Rumänen und der vermeintlich androhenden Elendsmigration in unsere ohnehin belasteten Sozialsysteme?
12.000 Bulgaren und Rumänen haben heute ihren festen Wohnsitz in Köln. Die Rumänen führen im Zuwanderungsbericht des BAMF die Top 5 der EU-Eingewanderten an, die Bulgaren stehen auf Platz drei, hinter den Polen. Wird der alte Hut durch die Lokalpresse also zu Recht hervorgezaubert?
Ja, es gibt viele Themen, über die wir im Kontext der europäischen Freizügigkeit sprechen sollten: Sie kommen noch immer, die diplomierten Bulgaren, die hier als Reinigungskräfte das Nötigste verdienen, um ihre Familie über Wasser zu halten. Die Angst haben müssen, dass sie nach einem Jobverlust sämtliche Sozialleistungsansprüche verlieren. Die keinen Sprachkurs besuchen können, da ihre Arbeitgeber ihnen keine Teilzeitstelle ermöglichen.
Es gibt sie immer noch, die unterbezahlten Rumänen auf unseren Spargelfeldern, die ihrer in der Heimat verbliebenen Familie jede Saison aufs neue Lebewohl sagen müssen. Oder die Polen, die in nach außen versiegelten und optisch sterilen Fabriken unseren Schweine- und Rindfleischkonsum bedienen.
Wir sollten endlich wieder einmal über arbeitsplatzbezogene Diskriminierung und Ausbeutung diskutieren, die immer dort einkehrt, wo die eigene Lebensgrundlage ausschließlich vom Beschäftigungsverhältnis abhängt – ohne Netz, ohne Boden. Und wir sollten vor allem über sich verschärfende Gesetze sprechen, die EU-Bürger ohne Beschäftigungsverhältnis für fünf Jahre von sämtlichen Sozialleistungen ausschließt.


Aber was machen unsere großen Kölner Zeitungen stattdessen? Sie betiteln alles was fremd, ungewaschen und ausländisch – irgendwie osteuropäisch – in unserer innerstädtischen Obdachlosenszene vertreten ist, als rumänisch oder bulgarisch. Sie malen ein Bild vom harmlosen heimischen – irgendwie kölschen – Heimatlosen, der von betrunkenen und urinierenden Osteuropäern verdrängt wird. Sie vermeiden es, dem ein – vielfach vorhandenes – Positivbeispiel entgegenzusetzen. Ja, Obdachloseneinrichtungen brauchen bessere finanzielle Ausstattung für ihre Arbeit und hierüber muss auch gesprochen werden. Was wir nicht brauchen, sind schwarz-weiß Malereien von guten und weniger guten Obdachlosen.
Und das bedeutet keineswegs, die Augen zu verschließen, wie in der Lokalpresse behauptet. Alleine die Caritas Köln partizipiert an drei großen europäischen Integrationsprojekten für EU-Bürger in Kalk und am sogenannten Kölnberg in Meschenich – übrigens seit Beginn der Freizügigkeit 2014 gemeinsam und abgestimmt mit der Stadt Köln und zehn kleinen und großen weiteren Trägern im gesamten Kölner Stadtgebiet.
Auch die aktuell verschwiegene positive Seite gehört zur Debatte – Ein großer Teil der 12.000 angemeldeten Bulgaren und Rumänen in Köln hat Wohnung, Einkommen und ein geregeltes Leben. Viele Menschen davon haben Caritas und andere Träger ein Stück begleiten und unterstützen dürfen. Hinter vielen Geschichten stehen Menschen, die sich gegen Widerstände, Zugangshürden und Vorbehalte einer vermeintlich offenen und toleranten Gesellschaft hindurchkämpfen mussten. Deren Lage wird durch die aktuelle Berichterstattung sicher nicht einfacher.“

Über den Autor

“Gast” ist das Profil unserer Gast-Autorinnen und Gast-Autoren, die für taufrische Geschichten von vor Ort sorgen. Denn egal ob von vorbildlichen Jugendprojekten oder schwierigen Teenagern, von Missständen in der Pflege oder rührenden Begegnungen im Altenheim, von Flüchtlings-Diskriminierung oder einer Willkommenskultur: Die Caritas-Mitarbeitenden in den verschiedenen Zentren, Einrichtungen und Projekten erleben die Spanne zwischen Freud und Leid täglich hautnah. Aus diesem Grund berichten in unserem Blog immer wieder Mitarbeitende der vielfältigen Caritas-Geschäftsfelder unter dem Profil “Gast”.

Ein Kommentar zu “Obdachlose zweiter Klasse? Wie die lokale Presse über obdachlose EU-Bürgerinnen und Bürger in Köln berichtet.

  1. Das ist eine sehr positionierte Stellungnahme zu den vielen Artikeln in den Medien, die eins der aktuellsten Themen in Köln nur einseitig schildern. Wie klar und deutlich erwähnt der Autor, welche von den Voraussetzungen, denen die Rumänen und Bulgaren nach der Freizügigkeit ausgesetzt werden, diskussionswert sind.
    Ich danke ihm.

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