Vertrieben im eigenen Land – mit Caritas international in der Ukraine

Andrij Waskowycz/Präsident Caritas Ukraine
Foto: Jürgens

„Caritas ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Die Hauptaufgabe heute ist der „vergessene“ Krieg.“ sagt Andrij Waskowycz (seit 2001 Präsident der Caritas Ukraine) im Gespräch mit Caritas-Mitarbeitenden aus ganz Deutschland in Kiew.

Delegation von Caritas-Mitarbeitenden aus Deutschland auf Einladung von Caritas international in der Ukraine

Nur 2 1/2 Flugstunden entfernt, und doch ist der Ukraine-Konflikt in unserem Bewusstsein weit weg. Aus den Medien ist das Thema nahezu verschwunden: Angekommen in Kiew wird uns bewusst, wie allgegenwärtig die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine, im Donbass-Gebiet, sind und wie sehr sie die Gesellschaft erschüttern. 1,7 Millionen Menschen sind vor den Kämpfen zwischen ukrainischen Soldaten und prorussischen Separatisten in die Westukraine geflohen, 1,4 Millionen ins benachbarte Ausland.

3,5 Millionen Menschen leben noch in der Pufferzone, von Russland versorgt. Es gibt aber dort auch nach wie vor humanitäre Hilfen von Caritas und anderen Wohlfahrtsorganisationen.

Abrisshaus in Odessa – Unterkunft für 150 Vertriebene
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Hintergrund
Anfang der 90er Jahre löste sich die Ukraine von der Sowjetunion. 1991 gründete sich die Caritas, die verbunden ist mit der griechisch-katholischen Kirche, der rund 6 % der Bevölkerung angehören. Es gibt 27 regionale Caritas-Verbände, Hauptsitz der nationalen Caritas ist Kiew. Vor 2013 arbeiteten in der Caritas 350 hauptamtliche Mitarbeitende. Heute sind es Tausend, unterstützt von vielen Freiwilligen. Das Budget hat sich seitdem verzehnfacht und beträgt ca.15 Millionen €.
In der Ukraine leben mit 42 Millionen etwa halb so viele Menschen wie in Deutschland auf einer Fläche, die 1,7-fach so groß ist. 60 % der Gläubigen gehören einer ukrainisch-orthodoxen Kirche an, dem Kiewer Patriarchat oder dem Moskauer Patriarchat, das von Russland gesteuert wird.

2004 war die sogenannte „orangene“ Revolution. Am 21. November 2013 stoppte Präsident Janukowitsch ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der EU. Daraufhin gab es im ganzen Land, vor allem auf dem Maidan in der Hauptstadt Kiew, zunächst initiiert von Studenten und Professoren. Massenproteste, die im Februar 2014 mit 100 Toten endeten. Der Präsident wurde abgesetzt. Russland besetzte und annektierte die Krim und die bewaffneten Auseinandersetzungen in der Ostukraine begannen. Seitdem sind dort rund 12000 Menschen getötet worden. An das Waffenstillstandsabkommen von Minsk hält sich niemand. Täglich ist von bewaffneten Zusammenstößen und weiteren Todesfällen durch Scharfschützen, Handgranaten und inzwischen auch durch Minen zu hören.

Die Caritas Ukraine http://caritas-ua.org/ hat fünf Arbeitsschwerpunkte:

  • Gesundheit und Pflege (Aufbau der Hauskrankenpflege, Menschen mit HIV/Aids)
  • Kinder- und Jugendarbeit (besonders die Straßenkinder), Folgen der Auslandsmigration für die zurückgelassenen Kinder, Menschenhandel, Integration in Arbeit
  • Menschen mit Behinderung
  • Gemeindeentwicklung
  • Humanitäre Hilfe

Die Hilfen für Binnenvertriebene beziehen sich auf alle Bereiche. „In der ersten Zeit des Konfliktes lag der Schwerpunkt auf der humanitären Hilfe, jetzt geht es um die Integration der Vertriebenen in bestehende Sozialprojekte“, sagt Andrij Waskowycz. Und die anderen Menschen, die bei der Caritas Hilfe suchen, wie die Straßenkinder, Opfer von Menschenhandel, die vielen armen Alten, die Menschen mit Behinderung, brauchen auch weiterhin Unterstützung.
Die Armut im Land wächst, die durchschnittliche jährliche Inflation beträgt 14,5%, Preise für Lebensmittel, Mieten, Strom und Gas steigen.

Die Binnenvertriebenen aus dem Donbass-Gebiet, die vor allem in die Städte drängen, haben alles verloren. Viele hatten eine gutbürgerliche Existenz, einen Beruf, ein Haus. Häufig schwer traumatisiert, stehen sie jetzt vor dem Nichts. Als sie im Frühjahr 2014 kamen, rechneten sie zunächst damit, dass sich die Lage schnell beruhigt und sie nach Hause zurückkehren können. Inzwischen sind aus einigen Wochen Jahre geworden, ein Ende ist nicht absehbar.

Wohnungen für Binnenvertriebene

Vertriebenenhaus im Hafen von Odessa
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Zunächst gab es eine große Welle der Hilfsbereitschaft in der Zivilbevölkerung. Viele standen mit Schildern auf den Straßen und an Bahnhöfen und waren bereit, Vertriebene aufzunehmen.
Die Caritas Ukraine hat in der Anfangszeit mit Hilfe des Deutschen Caritasverbandes, der amerikanischen Caritas und der Caritas Österreich auf Prepaid-Karten eingezahlt und an 400 bis 500 Tausend Menschen verteilt, damit sie Notwendiges einkaufen konnten. „Es hat etwas mit der Würde der Menschen zu tun, wenn sie, statt Lebensmittelpakete zu erhalten, selbst entscheiden können, was sie einkaufen möchten“, sagt Andrij Waskowycz.

Wohnungen für die vielen Vertriebenen stellt eines der größten Probleme dar. Obwohl den Vertriebenen, wenn sie sich mit diesem Status registrieren lassen, eine Wohnung zusteht, gibt es de facto keinerlei staatliche Unterkünfte. Wenn es einer Familie gelingt, eine Wohnung zu mieten, rücken sie zusammen und es ziehen mehrere Familien ein. Eine Mitarbeiterin im Caritas-Zentrum Kiew ist selbst Vertriebene und erzählt, sie lebe mit vier Familien in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Andere beziehen verlassene Häuser auf dem Land, haben aber dort das Problem, Arbeit zu finden. 27 % gehen trotz der Gefahren in das Donbass-Gebiet zurück, weil sie keine Perspektiven haben. Manche kommen in leer stehenden Studentenwohnheimen oder Sanatorien unter.

In der Hafenstadt Odessa besuchen wir ein Abrisshaus, in dem seit vier Jahren 150 Vertriebene, darunter 35 Kinder leben, zwei wurden im Haus geboren. Die Folgen des Ukraine-Konfliktes werden hier für uns direkt sichtbar.

In der Anfangszeit gab es für die Menschen noch keine Elektrizität, keine sanitären Anlagen und keine Türen. Die Bürger aus Odessa unterstützen mit Sachspenden, Kleidern, Spielsachen und Baumaterial, mit dem die Familien versuchen, die Unterkunft wohnlicher zu gestalten.

Kinderbetreuung im Vertriebenenhaus
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

Sonja ist selbst Vertriebene und lebt in dem Haus, leitet das Zusammenleben und die Angebote, unterstützt von The Way Home http://wayhomeodessa.org/, einer Partnerorganisation der Caritas: „Hier leben Menschen, die schon besser integriert sind, Arbeitsmöglichkeiten suchen oder schon welche haben.“ erklärt sie uns. Wenn die Erwachsenen arbeiten, wird eine Kinderbetreuung im Haus organisiert. „Wir haben hier einen fast verwandtschaftlichen Umgang miteinander, schauen nach den Kindern der anderen und unterstützen uns.“ sagt Irina, die als Alleinerziehende mit drei Kindern im Haus lebt.

„Es ist wichtig, eine starke Leitung zu haben, die motiviert und Aufgaben verteilen kann. Samstags ist bei uns Aufräumtag. Dann werden Bauarbeiten durchgeführt, manchmal gibt es gemeinsame Pflanzaktionen. Wir haben auch hier schon zu öffentlichen Kunstausstellungen und Theaterprojekten eingeladen.“

Hilfen für traumatisierte Vertriebene

vor dem Caritas-Zentrum Kiew, hier leben viele Vertriebene und sozial Benachteiligte
Foto: Jürgens

In den Caritas-Zentren werden Integration und Begegnung durch Gemeinwesenarbeit mit Sport-, Kreativ- und anderen Projekten gefördert. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus der

das Caritas-Zentrum Kiew
Foto: Jürgens

Ostukraine vertrieben sind, haben schon viel Gewalt erlebt und sind traumatisiert.

Bild eines 12-jährigen Mädchens aus der Ostukraine im Caritas-Zentrum Kiew
Foto: Jürgens

Natalia ist Psychologin im Caritas-Zentrum Kiew und setzt in der Arbeit mit traumatisierten Kindern kreative Methoden, Malen und auch das Emotionenklavier ein.

“Emotionenklavier” in der Arbeit mit traumatisierten Kindern im Caritas-Zentrum Kiew
Foto: Jürgens

So lassen sich Gefühle oft leichter ausdrücken als über Worte. Ziel ist ein Transformationsprozess, die Ressourcen, die „Samenkörner“, in sich zu finden, um das eigene Leben neu zu gestalten.

Bild im Caritas-Zentrum Kiew
Foto: Jürgens

 

 

 

 

 

 

 

Caritas trägt Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft
Caritas-Präsident Andrij Waskowycz sieht eine große Verantwortung der Caritas für die Gestaltung der Gesellschaft. Er hat, wie viele andere unserer Gesprächspartner, vor vier Jahren die Proteste auf dem Maidan selbst miterlebt, und erzählt eindrücklich von dieser offenen Wunde der ukrainischen Gesellschaft.

Gedenkstätte auf dem Maidan in Erinnerung an die 100 Toten nach friedlichen Massenprotesten
Foto: Jürgens

auf dem Maidan in Kiew
Foto: Jürgens

Das prägt die Aufbruchstimmung der Menschen, denen wir begegnen. Den unerschütterlichen Willen, trotz aller Probleme, weiter für die Unabhängigkeit zu kämpfen und ein autoritäres System zu verhindern, die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten und Reformen voranzutreiben.
„Wir betreiben intensive Lobbyarbeit und haben gute Kontakte zum Sozialministerium. An einer neuen Sozialgesetzgebung haben wir mit geschrieben, die unter anderem Dezentralisierung vorsieht und eine staatliche Finanzierung der sozialen Dienstleistungen, die von den Wohlfahrtsverbänden erbracht wird, also das Prinzip der Subsidiarität übernimmt.“ Es hat sich viel getan, meint er, es gebe viele Gesetzesvorhaben und jetzt müsse die Umsetzung erfolgen. „Dafür brauchen wir mehr Druck aus dem Ausland und von der ukrainischen Zivilgesellschaft. Korruption ist immer noch ein Problem, die Politik ist noch zu stark mit der Wirtschaft verwoben.“
Caritas-Arbeit in der Ukraine erhält noch keine staatliche Finanzierung. Projekte werden von meist ausländischen Organisationen, viele von Caritas international, von Caritas Österreich, der amerikanischen Caritas, aber auch vom Auswärtigen Amt und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt.

Caritas-Generalsekretärin Dr. Dzenyslava Chajkivska
Foto: Caritas Odessa/Boris Bukhman

“Unsere Mitarbeitenden haben eine hohe Methodenkompetenz, eine sehr bewusste Haltung und eine gute Menschenkenntnis, das ist unser Schatz.“ sagt Caritas-Generalsekretärin Dr. Dzenyslava Chajkivska. „Für die Zukunft der Caritas-Arbeit hat Netzwerkarbeit einen wichtigen Stellenwert. Es gibt ein Projekt zum Aufbau von Gemeindecaritas auch auf dem Land, um Basisarbeit zu leisten.

 

 

 

In Kürze: Blog-Beitrag zum Thema
Nur die „Tüchtigen“ gehen. Auslandsmigration und ihre Folgen
Programme der Caritas Ukraine für „Eurowaisen“, Straßenkinder und Opfer von Menschenhandel

Über den Autor

Marianne Jürgens,
Pressesprecherin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, sorgt dafür, dass die Stadt über die Caritasarbeit spricht.


Das begeistert mich:

Sobald Musik erklingt, gibt es kein Halten mehr: Ein Leuchten im Gesicht des 91-jährigen Herrn Schmitz. Herr Schmitz tanzt mit Rollator und Herr Schmitz tanzt mit dem 5-jährigen Jordi. So geschehen beim Caritas-Tanzprojekt „come 2 move – gelöste Grenzen“. Caritas und Kunst: Das berührt die Seele von 60 Teilnehmern aller Generationen mit und ohne Handicaps und von Zuschauern gleichermaßen. Wunderbare Wege der Sozialarbeit...


Zu meinem Ärger:

Die gesellschaftliche Realität macht nicht vor der Kirchentür halt. Der Fall einer gekündigten Leiterin eines katholischen Kindergartens in Königswinter, die nach der Trennung von ihrem Mann in einer neuen Beziehung lebt, ist nur einer von vielen. Sind Katholiken beim Arbeitgeber Kirche angestellt, werden solche Lebensbrüche direkt zur Existenzfrage. Und der Kirche gehen menschlich kompetente, engagierte und angesehene Mitarbeitende verloren.

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